Beth Jeans Houghton - Yours Truly, Cellophane Nose - Cover
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Beth Jeans Houghton Yours Truly, Cellophane Nose


  • Label: Mute/AIP
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Beth Jeans Houghton hat Synsthesie. Das heißt sie empfindet verschiedenste physische und psychische Wahrnehmungen farblich, Töne genauso wie Buchstaben, weshalb es ihr schwer fällt zu lesen. Dass eine solche Persönlichkeit im Leben aneckt, die Schule mit 15 schmeißt und sich in verschiedenen Bereichen ausprobiert, erscheint daher nicht seltsam. Schon eher aber ihr musikalischer Werdegang bisher. Von Devendra Banhart beim Green Man Festival zufällig ausgewählt zu werden, um einen Song vor tausenden von Menschen zu performen genauso, wie Mike Lindsay von Tunng in einer Bar kennenzulernen und mit im die EP „Hot Toast“ aufzunehmen, bis zur noch nicht offiziell bestätigten, aber Paparazzi-technisch offensichtlichen Liaison mit Anthony Kiedis, Frontmann der Red Hot Chili Peppers.

Das mag man finden wie man will, mit EPs auf sich aufmerksam zu machen, Superstarfreunde zu bekommen und nun ein heimlich gehyptes Debütalbum zu veröffentlichen, eines kann man Beth Jeans Houghton freilich nicht absprechen: dass ihre Skurrilität in irgendeiner Form teil eines Inszenierungsablaufs sei, dass es der 21 Jahre jungen Dame aus Newcastle upon Tyne an Authentizität fehle. Ihr Anspruch ist im Wortsinn der, ein musikalischer Künstler zu sein, die optischen Vorraussetzungen hierfür, lassen sich ganz gut an. Ihre gewagten Garderoben suggerieren, dass da kein Stylist im Hintergrund Beratungsfäden zur Credibility zieht. Die Cover ihrer EPs, vor allem aber ihres Albums, sind schön komponierte Provokationen.

Soweit die Hülle. Surrealistischer Nonsens der durchaus Charme versprüht, anders kann man auch ihre Lyrics nicht beschreiben, in denen sie von Träumen berichtet wie in „Dodecahedron“: „Last night I dreamed of dodecahedrons/ My eyes were bleeding with crimson sight“. Doch das einzige Aber kommt auf, beleuchtet man das Eingemachte. Ja, ihr Folk ist ungewöhnlich, ja ihre Melodiefolgen sind ein lustiges und ungewöhnliches Auf und Ab, ja, schön nutzt sie ihre männliche Begleittruppe als trunkenen Chor. Irgendwie erinnert sie damit ein wenig an Lewis Carroll’s „Alice In Wonderland“. Doch genauso wie die in reichlich Abenteuer stolpernde Alice, stolpert auch Beth Jeans Houghton nach einer eindrucksvollen ersten Albumhälfte, besonders mit „Atlas”, „Dodecahedron“, „Night Swimmer“ und „Sweet Tooth Bird“. Gegen Ende ist die Luft schnell raus, reichen Streicher-Samples und E-Piano-Geklimmper nicht um im anspruchsvollen, lyrischen Folk dem zum Beispiel gerade erschienenen Debüt „O, Devotion!“ von Liz Green das Wasser zu reichen.

Das macht freilich nichts. Nicht jedes Debütalbum muss genialisch sein. Aber in der Tendenz geht Beth Jeans Houghton und ihr kleiner Hype ein wenig auf in der trefflichen englischen Redewendung „to ruffle one’s feathers“, ohne das hinter den bunten Federn das drinsteckt, was man suggeriert bekam. Nichtsdestotrotz ist „Yours Truly, Celophane Nose“ ein unterhaltsames und ansprechendes Debüt.

Anspieltipps:

  • Atlas
  • Dodecahedron
  • Night Swimmer
  • Sweet Tooth Bird

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