Stefanie Heinzmann - Stefanie Heinzmann - Cover
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Stefanie Heinzmann Stefanie Heinzmann


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 49 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Newcomerstatus abgelegt. Sensationsbonus passé. Jetzt wird's ernst!

Gerne spricht man in der Musikbranche vom „schweren zweiten Album“, weil nach einem erfolgreichen Debüt, für das der Künstler quasi das ganze Leben Zeit hatte, plötzlich alles ganz schnell gehen muss, damit das Publikum zeitnah mit frischen Songs versorgt werden kann. Im Prinzip gilt diese alte Regel auch heute noch, allerdings mit wesentlich mehr Druck auf dem Kessel.

In einem Zeitalter, in dem unsäglichen Massen gecasteter Sängerinnen und Sängern das Bild der Charts mitbestimmen, haben sich die Produktionsmethoden dahingehend verändert, dass die Songs für die Debütalben meist schon fix und fertig in der Schublade liegen und nur noch eingesungen werden brauchen. Die „schweren zweiten Alben“ folgen inzwischen in immer kürzer werdenden Abständen, weil nicht selten die Gefahr besteht, dass die ach so tollen Castingshowgewinner nach wenigen Monaten schon wieder in der Versenkung verschwunden sind.

Erst wenn sich der Hype mehr oder weniger abgekühlt hat, besteht die Chance auf eine künstlerische Entwicklung. Darauf warten wir gespannt bei Lena Meyer-Landrut und 2½ Jahre nach dem letzten Studioalbum von Stefanie Heinzmann auch bei ihr. Ihrem „Masterplan“ im März 2008 folgte nur 18 Monate später „Roots To Grow“ (09/2009). Beide Werke waren kommerziell erfolgreich, doch mit abgesagten Tourneen aufgrund von gesundheitlichen Problemen (Bandscheiben- und Stimmbandoperationen) und der daraus folgenden Zwangspause schlich sich zuletzt der körperliche Tribut an das schnelle Popstarleben bei der 22jährigen Sängerin ein. Diese Situation hatte zumindest positiv zur Folge, dass sich die Schweizerin viel ausführlicher um das Gedeihen ihres dritten Albums kümmern konnte, das nicht von ungefähr auf den Titel „Stefanie Heinzmann“ lautet.

Allein durch den Umstand, ein Album nach sich selbst zu benennen, wird deutlich, dass sich etwas verändert hat – oder verändern soll. Und so wie bei Lena Meyer-Landrut der Einfluss von Stefan Raab abnehmen soll, ist bei Stefanie Heinzmann kaum mehr etwas davon zu spüren, dass sie einst mit Interpretationen von Soul- und Funk-Klassikern aus dem TV-Castingformat „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“ hervorging. Ab sofort wird Popmusik noch größer geschrieben und von internationalen Top-Songwritern wir Jamie Cullum, Chantal Kreviazuk (Avril Lavigne, Kelly Clarkson, Gwen Stefani) bzw. Eric Bazilian (The Hooters, Scorpions, Joan Osborne) beigesteuert.

Aber auch Stefanie Heinzmann und ihre Band beteiligten sich erstmals am Songwriting. Und zur Beruhigung: Der Soul/Funk/Motown-Sound ist natürlich nicht vollkommen gewichen. Dazu ist Stefanie Heinzmann viel zu sehr in dieser Musik verwurzelt, als dass sie lediglich ein Abziehbild eines Popsternchens abgeben wollte. Und auch wenn die erste Singleauskopplung „Diggin‘ in the dirt“ vielleicht etwas zu bemüht in Richtung Radio und Charts zu schielt, ist gegen den Charme Stefanie Heinzmanns kraftvoller Stimme noch längst kein Kraut gewachsen. Und so brüllt sich die 22-Jährige förmlich durch den Track, als wollte sie beweisen, dass ihre Stimme wieder zu 100% hergestellt ist.

Dabei hat Stefanie Heinzmann solche Holzhammermethoden gar nicht nötig. Denn die Songs – auch wenn sie deutlich poppiger ausfallen – bieten Möglichkeiten zur Genüge, um sich stimmlich auszuzeichnen. Da wäre zum Beispiel „Second time around“, das auch vom „LP1“-Album von Joss Stone stammen könnte oder der atmosphärische Opener „Fire“, mit dem gleich einer der besten Songs des Albums zu Buche steht. Die Funk-Sparte wird von „Numb the pleasure“ abgedeckt, während der Jamie-Cullum-Track „Everyone’s lonely“ das Pop-Publikum bedient. Darüber hinaus gibt es eine herrlich groovende Coverversion von „This old heart of mine” und die bezaubernd gesungenen (Halb-)Balladen „You made me see“ und „Home to me“ (letztere nur auf der Deluxe Edition erhältlich).

Den Newcomerstatus hat Stefanie Heinzmann längst abgelegt. Der Sensationsbonus ist ebenfalls passé. Jetzt muss die junge Schweizerin Standvermögen zeigen, um sich künstlerisch zu etablieren. Dazu fehlen auf dem vorliegenden Album vermutlich die eindeutigen Hits, doch als Ganzes ist „Stefanie Heinzmann“ ein stimmiges Werk, mit dem auf der Karriereleiter keine Rückschritte befürchtet werden müssen.

Anspieltipps:

  • Fire
  • Home to me
  • Another love song
  • Numb the pleasure
  • Stain on my heart

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