The Mars Volta - Noctourniquet - Cover
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The Mars Volta Noctourniquet


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 65 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein mit jedem Durchgang wachsendes Juwel, dessen Schönheit sich nicht immer durch besonders verfrickelte Passagen oder spontane Breaks und Rhythmuswechsel zeigt.

Seit „Octahedron“ (06/2009) sind fast drei Jahre vergangen und bis auf die unerwartete Reunion von At The Drive-In für zwei Konzerte am Coachella Festival war es verglichen mit vorangegangenen Leerläufen relativ still um Wuschelkopf Omar Rodriguez-Lopez (Gitarre), Goldkehlchen Cedric Bixler-Zavala (Gesang) und deren Hauptband The Mars Volta. Wohlwollend wurde dann der erste Funken vom neuen Album namens „The malkin jewel“ Mitte Februar aufgenommen, ein beinahe bis zur Unerträglichkeit anwachsendes Crescendo in offbeatlastiger Manier, das sich am Höhepunkt selbstständig das Licht ausbläst. Für jede andere Band ein schwindelerregender Drahtseilakt, für The Mars Volta reine Routine. Dementsprechend ging die Angst um, „Noctourniquet“, das sechste Album der Texaner, würde wie schon „Octahedron“ die Strukturen weiter aufweichen und das eindringliche Prog-Erlebnis noch zugänglicher denn je konstruieren. Nun, einerseits ist das eingetreten, andererseits setzen sich Bixler-Zavala und Omar-Rodriguez dieses Mal dermaßen konsequent zwischen die Stühle, dass die stringente Herangehensweise zu keiner Zeit störend wirkt oder man als Hörer das Gefühl bekommt, hier wäre wesentlich mehr drin gewesen.

Einen großen Teil dazu beigetragen hat Neuzugang Deantoni Parks (Schlagzeug), der die „hypnotischen Melodien und grenzüberschreitenden Electro-Ambient-Lavierungen“ mit einer Performance segnet, bei der man das Gefühl bekommt, er würde eigentlich gerade bei einem Free Jazz-Konzert die Drumsticks schwingen. Alleine seine Arbeit macht „Noctourniquet“ zu einem Pflichtkauf. Nichtsdestotrotz wären da noch die Songs an sich, die, um eine starke elektronische Komponente erweitert, den schmalen Grat zwischen anziehend und abstoßend belegen, jedoch nie Überhand nehmen, wie es auf „Frances The Mute“ (02/2005) oder „Amputechture“ (09/2006) der Fall war. Alles wirkt geordnet, gewollt, einstudiert und obwohl die Platte stets als The Mars Volta auszumachen ist, begeben sich die Texaner hiermit auf eine Stufe, die jegliche Verbindungen zur bisherigen Diskographie ad absurdum führt. Ausufernde Jam Sessions oder psychedelische Trips inmitten 12-minütiger Longtracks sind abgehakt, wenn dann ist eine Komposition als Ganzes eine einzige Jam Session oder ein psychedelischer Trip.

„Noctourniquet“ spielt mit dem Zuhörer trotzdem Katz und Maus, „weg vom zu intensiven Muckertum mit schwindelerregenden Breaks und Wechseln, hin zu durchkonzeptualisierter, extrem raumgreifender Musik, deren Untiefen und Gefahr im produktionellen Detail lauern.“ Ständig wird eine Laut/Leise-Dynamik verfolgt, die nicht nur in den einzelnen Songs, sondern auch über das komplette Album hinweg wirksam eingesetzt wird. Beispiel gefällig? Nach einem verstörenden Sägezahnsample in „The whip hand“ und „I am a landmine“-Gekreische gilt es erst einmal in „Aegis“ das eben Gehörte zu verdauen und besinnlich abzuschalten, während „Dyslexicon“ wieder unbarmherzig die Daumenschrauben anzieht und „Empty vessels make the loudest sound“ zum Ausgleich Profit aus warmen 70er Jahre Progrock-Klängen zieht. Diese und ähnliche Wechselwirkungen ziehen sich die ganze Platte hindurch oder sind wie „In absentia“ überhaupt gleich gebündelt vertreten. Wenn in dem (mit über 7 Minuten am längsten) Track drei unterschiedliche Songideen auf zähflüssige Art und Weise ineinander verschmolzen werden, welche erst nach 5 Minuten eine harmonische Auflösung erfahren, dann bettelt dieser Song nahezu um den Druck auf die Skip-Taste, entfacht jedoch gleichzeitig einen unwiderstehlichen Sog, der in gleichem Maße die Betätigung eben jenes Knopfes verhindert.

Diese Hassliebe treiben The Mars Volta vor allem in der zweiten Hälfte auf die Spitze. „Imago“ gebärdet sich z.B. als schöne, durch den Raum schwirrende und wabernde Komposition, „Molochwalker“ tritt in seinen 3 ½ Minuten das genaue Gegenteil, nämlich eine gehetzte Fluch nach vorne, an, „Trinkets pale of moon“ vereint im Hintergrund ablaufende indianische Initiationsriten (?) mit beunruhigender Horrorfilmatmosphäre und „Vedamalady“ und der Titeltrack schweben, in eine balladeske Klangwolke gehüllt, in zwischen eingängig und abgedreht pendelnde Sphären ab. Leicht zu verdauen ist das trotz der zugänglichen Strukturen zwar nicht und der letzte abartige Kick an der einen oder anderen Stelle fehlt ebenfalls, doch das hält „Noctourniquet“ nicht davon ab ein aufgewecktes, mit jedem Durchgang wachsendes Juwel zu sein, dessen Schönheit sich nicht immer durch besonders verfrickelte Passagen oder spontane Breaks und Rhythmuswechsel zeigt.

Anspieltipps:

  • Aegis
  • Dyslexicon
  • In Absentia
  • The Whip Hand
  • Empty Vessels Make The Loudest Sound

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