Oddland - The Treachery Of Senses - Cover
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Oddland The Treachery Of Senses


  • Label: Century Media/EMI
  • Laufzeit: 51 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Gefundes Fressen für enttäuschte Dream Theater-Fans und sensible Meshuggah-Kostverächter.

Einen Newcomer schmackhaft zu machen und einen angemessenen Hype vom Zaun zu brechen, könnte so einfach sein. Nimmt man z.B. das finnische Vierergespann Oddland und macht darauf aufmerksam, dass Sakari Ojanen (Gesang, Gitarre), Jussi Poikonen (Gitarre), Joni Palmroth (Bass) und Ville Viitanen (Schlagzeug) bereits den Suomi Metal Star Contest gewonnen haben und eine vielversprechende bzw. ziemlich einzigartige Mischung aus Tool, Dream Theater und Fates Warning anbieten, die mit einer kleinen Dosis des aktuell extrem angesagten Djent-Genres bestückt ist, dann könnte sich das Interesse für das Majordebüt „The Treachery Of Senses“ wie von alleine ergeben. Da der Terminus „einzigartig“ in der heutigen Zeit durch inflationären Gebrauch jedoch hemmungslos verwässert ist und der eine oder andere Hörer daher Skepsis walten lassen wird, müssen über den gelungenen Erstling von Oddland wohl ein paar Worte mehr verloren werden.

Progressivität bedeutet nicht stehen zu bleiben, nach vorne zu blicken, offen für Neues zu sein. Diese drei Grundpfeiler sind auch das Fundament des finnischen Vierers, die ihren Longplayer wie ein klassisches Roadmovie beinahe ständig in Bewegung halten und nicht minutenlang über ein nichtssagendes Riff schwadronieren lassen. Schon zu Beginn von jedem Track (mit Ausnahme von „Ire“) bricht die Grooveabteilung Oddlands durch die Boxen und legt in stürmischer („Flooding light“, „In the eyes of the mourning“, „Aisle of array“, „Lines of silver blood“), donnernd-aggressiver („Above and beyond“, „Still the spirit stays“, „Sewers“) oder einschmeichelnder („In endless endeavour“, „Past the gates“) Art und Weise einen betörenden Klangteppich aus, der in geradezu unnachahmlicher Weise zu fesseln vermag ohne einen Aufschluss über den restlichen Verlauf der Stücke zu geben.

Diese entfalten ihre wahre Größe nämlich erst wenn die letzte Note verklungen ist und können in der durchschnittlichen Laufzeit von 4 ½ Minuten jeden Aggregatzustand zwischen nachdenklichem Midtempo („In the eyes of the mourning“), polyrhythmischer Raffinesse („Above and beyond“) und dynamischem Hart/Zart-Gefälle („Aisle of array“, „Lines of silver blood“) annehmen, was letztendlich zu einer durchdachten, ständig fordernden Achterbahnfahrt ohne Kompromisse oder Zugeständnisse führt. Diese Haltung ist allerdings Fluch und Segen zugleich, denn oft vergessen Oddland den Songs Punkt und Komma zu geben und verlassen sich zu sehr auf das rhythmische Gerüst, wodurch gelegentlich technisch anspruchsvolle, aber etwas mühsame Abschnitte überwunden werden müssen oder die Instrumente büchsen überhaupt in einem Anflug von übermäßiger Spielfreude aus. Im besten Falle führt das zu einem grandiosen Finish wie in „Past the gates“ oder es bilden sich große Fragezeichen auf der Stirn des Hörers.

Passend zu diesem musikalischen Drahtseilakt gesellt sich mit Ojanens Stimme eine ähnlich ambivalente Facette, denn obwohl das warme Timbre des Finnen einerseits wunderbar mit den hakenschlagenden Kompositionen harmoniert, so übertreibt er es andererseits manchmal mit den Emotionen und klingt mitunter wie ein waidwunder Hirsch, der die letzten Atemzüge aus seinen Lungen presst (z.B. in „Flooding light“). Parallelen zu John Arch (Ex-Fates Warning, Arch/Matheos) und seiner gemüterspaltenden Kopfstimme sind jedenfalls nicht verkehrt. Im hervorstechenden Höhepunkt „Sewers“ machen Oddland aber alles richtig und changieren zwischen brachialen Ausbrüchen und düsterer Atmosphäre, die mit Frauenstimme und einmaligen Growls von Ojanen nicht nur den Erzählcharakter dieses Stücks perfekt untermauern, sondern den Track außerdem zu einem einzigen Aha-Moment mutieren lassen. Mit dem Abschluss „Ire“ zeigt sich hingegen die verbesserungswürdige Unentschlossenheit hinter „The Treachery Of Senses“, da sich die Nummer nach mehrminütigem, zähflüssigem Aufbau in ein wütendes Donnergrollen entlädt, das wiederum in ein wirres, von Free Jazztrompeten geleitetes Finale mündet und das Album somit äußerst unbefriedigend, weil ziemlich überladen, ausklingen lässt.

Trotz seiner Schattenseiten ist das Debüt von Oddland aber alles in allem eine willkommene Abwechslung im Progressive Metal-Genre. Der Vierer bringt durch sein von Gegensätzen getriebenes Geflecht und den damit einhergehenden starken Momenten frischen Wind ins Genre und positioniert sich mit seinem Erstling zwischen der klassischen Komplexität eines Dream Theater-Outputs und den polyrhythmischen Exzessen einer Meshuggah-Platte, allerdings ohne die Härte oder den technischen Anteil Überhand nehmen zu lassen. Es gilt eben noch die vereinzelten Kinderkrankheiten auszumerzen um entschlossener agieren zu können. Diese vier Herrschaften sollte man also definitiv im Auge behalten!

Anspieltipps:

  • Sewers
  • Past The Gates
  • Above And Beyond
  • In The Eyes Of The Mourning

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