Cro - Raop - Cover
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Cro Raop


  • Label: Chimperator/Groove Attack
  • Laufzeit: 39 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn Wünsche NICHT Wirklichkeit werden: Die Maske von Sido, der Flow von Kool Savas und der Style von Casper.

Während Deutschlands kommerzielle Rap-Elite (Bushido, Sido) gerade pausiert, erfreuen sich die meisten anderen deutschen Rapper über Verkaufszahlen im vierstelligen Bereich und Chartplatzierungen im hinteren Drittel. Echte Ausnahmen sind selten, wie der unglaubliche Erfolg von Newcomer Casper, der mit seinem Majordebüt „XOXO“ vor genau einem Jahr ein kommerzielles und künstlerisches Ausrufezeichen setzte. Mit Zufall hatte dieser Erfolg freilich nichts zu tun. Alles war von langer Hand geplant und ging am Ende perfekt auf. Ähnliches spielt sich seit ein paar Monaten erneut ab.

Aus der Stuttgarter HipHop/Rapszene (Die Fantastischen Vier, Freundeskreis, Massive Töne, Afrob, Gentleman), die langsam wieder zu altem Leben zurückkehrt, stammt ein gewisser Carlo Waibel (20), der sich neben seinem Beruf als Mediengestalter bzw. Cartoonist bei der Stuttgarter Zeitung ein zweites Standbein als Beat-Bastler und Rapper aufbaute. Um die konservativen Schwaben nicht zu schocken, legte er sich den Künstlernamen Cro und eine Panda-Maske als Tarnung zu und veröffentlichte einige Mixtapes, auf die der Rap-Kollege KAAS aufmerksam wurde, der wiederum beim Stuttgarter Indie-Label Chimperator Productions unter Vertrag steht.

Chimperator Productions nahm Cro im Oktober 2011 unter Vertrag, obwohl sich um den Rapper ein ähnliches Wettbieten der Majorlabels Sony Music und Universal Music abzeichnete wie zuvor bei Casper. Cro entschied sich trotz der gebotenen Riesensummer für Chimperator Productions, auch mit der Begründung, dass dies einfach cooler sei. Nur einen Monat später wurde mit „Easy“ der erste Albumvorbote als Videoclip ins Rennen geschickt, der bis dato mehr als 20 Millionen Mal (!!!) angeschaut wurde. Im März 2012 erschien „Easy“ auch als physische Single. Sie erreichte den zweiten Platz in den Single-Charts und erhielt für mehr als 200.000 verkaufte Einheiten eine Gold-Auszeichnung.

In denselben kommerziellen Regionen wird auch das Album „Raop“ erwartet. Am Veröffentlichungstag gibt es kaum ernstzunehmende Konkurrenz und schaut man sich die verschiedenen Editionen und die Höhe der (sogenannten) Limitierungen an, in denen „Raop“ auf den Markt gebracht wird, dürfte klar sein, dass hier nur Platz eins in den Album-Charts das Ziel sein kann.

In seinen unbeschwerten, man könnte auch sagen harmlosen Lyrics knüpft Cro an den Stil der Stuttgarter Rapszene der 90er Jahre an. Inhaltlich geht es friedlich zu, während auf musikalischer Seite eine sommerlich leichte Atmosphäre vermittelt wird, in der Pop deutlich die Oberhand über HipHop hat. Damit entfernt sich Cro meilenweit von den Gangstern und Ghetto Kings aus Berlin, Hamburg, Frankfurt und dem Ruhrpott und sollte in Zukunft auch nicht mehr mit ihnen in einem Atemzug genannt werden.

Die Formel „Rap + Pop = Raop“ bildet nicht umsonst den Albumtitel. Doch wer bereits Casper eine echte HipHop-Attitüde abgesprochen hat, muss bei Cro noch konsequenter handeln. Denn die gnadenlos poppige Melange aus zahnlosen Gute-Laune-Raps (obwohl Cro sein Handwerk durchaus beherrscht, aber viel zu selten einsetzt) und nicht wirklich einfallsreichen Arrangements und Melodien („Geile Welt“ kreuzt Reggae-Rhythmen, 80er Jahre Keyboards und E-Gitarrenklänge – geht’s noch abgeschmackter?) weckt bei älteren Generationen böse Erinnerungen an die Rap-Eintagsfliege Der Wolf (remember „Oh Shit, Frau Schmidt“), der mit ähnlich netten Reimen und leichtgewichtigen Liedern als Kurzeitphänomen in die Geschichtsbücher der Popmusik eingegangen ist. Zum Vergleich werden Tracks wie „Meine Zeit“ oder auch „Nie mehr“ empfohlen.

Was damals funktionierte, reicht also auch für die heutige „Generation Facebook“ als temporäre Bespaßung. Wie schön, dass Musik so einfach funktioniert. Doch muss so ein Act, der von Anfang an unter dem Verdacht stand, sich an einem Konstrukt aus Image und musikalischen Bausteinen zu bedienen, von allen kritiklos abgefeiert werden? Sicher nicht! Denn in Sachen Nachhaltigkeit leistet sich Cro im Vergleich zu Casper zu viele Defizite. Wo der eine (Casper) mit persönlichen Texten und packender Musik punktet, lässt der andere (Cro) sein Potenzial mit inhaltlichen Allgemeinschauplätzen und banalen Songstrukturen liegen.

Aufgrund des unaufhaltsamen Hypes um den schwäbischen Panda-Maskenträger mag „Raop“ der heißeste Scheiß dieses Sommers sein. Doch ist es nicht eher so, dass die Crowd, die Cro wie doof feiert, vielmehr sich selbst feiert, weil sie in der Lage ist, einen Independent-Künstler innerhalb kürzester Zeit in den Himmel zu schießen? Deshalb die Bitte an die I-Like-Community: Auch wenn Gangsta-Rap tot ist, muss die Konsequenz daraus nicht wie Der Wolf Reloaded klingen.

Anspieltipps:

  • Easy
  • Ein Teil
  • King of Raop
  • Einmal um die Welt

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