Sigh - In Somniphobia - Cover
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Sigh In Somniphobia


  • Label: Plastic Head/SOULFOOD
  • Laufzeit: 64 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Japaner dekonstruieren das Genre des Black Metals und bauen aus seinen Trümmern einen Monolithen des Chaos.

Sigh aus Japan ist eine der Gruppen, bei denen es seit jeher schwer fällt sie zu klassifizieren. Als Black-Metal-Band im Jahre 1990 gegründet, nahm das musikalische Gerüst der Damen und Herren um Sänger, Multiinstrumentalist und Hauptsongwriter Mirai Kawashima immer obskurere Formen an. Mit Einflüssen aus Folk, Jazz, Lounge oder 70s-Disco wurde eine Chimäre erschaffen, die gleichzeitig euphorisierte und für ratlose Gesichter sorgte.

Nach zwei eher straighten Alben, melden sich die Exzentriker aus dem Land der aufgehenden Sonne zurück. Mit „In Somniphobia“ beweisen sie nach wie vor wie man ein Genre vollkommen auf den Kopf stellen kann. Während der Opener „Purgatorium“ noch als scheppernde und blitzschnelle Metalnummer den Langhaarzottel voll abholen kann, wird spätestens ab „The Transfiguration Fear“ klar, dass Sigh ihren Status als Platzhirsche des Metals nicht so einfach aufgeben wollen. Mit Saxophon, Maultrommel, Chor, Klatschen und Pfeiffen der Marke Ennio Morricone kriegt man einen skuril-schrulligen Ohrwurm vorgesetzt. Die Rechnung geht auf: Das Ding galoppiert mitreißend und gibt dem Kopfkino eines 50er-Jahre Trash Horrorfilms das passende musikalische Gesicht.

Schließlich leitet man in den Konzeptteil des Albums ein und schraubt den Metal zugunsten düsterem Ambient etwas runter. „Somniphobia“ mit seinem Weltmusik-Intro entwickelt sich zu einer düsteren Nummer, während ein „Far Beneath The In-Between” als musikalische Untermalung eines Varietés durchgehen könnte. „Amnesia” beweist dann, dass die Idee sich einen Saxophonisten (pardon, eine Saxophonistin) als festes Bandmitglied ins Boot zu holen nicht nur mutig, sondern verdammt intelligent ist. Im jazzigen „Equale”, dem dreiteiligen Finale von “In Somniphobia”, feiert man abschließend das gesamte vorangegangene Chaos ab. Piano und Mellotron kämpfen in diesem groovenden Metal-/Fusion-Hybriden um die Vorherrschaft.

Was Sigh wohl so faszinierend macht, ist die Herausforderung und Aufmerksamkeit, die vom Hörer verlangt wird. Es lohnt sich immer wieder genau hin zu hören und die gesamte Bandbreite der gespielten Instrumente zu erfassen. Manche Bands versuchen ja ihre Songs so komplex und vielschichtig wie es nur geht zu machen und so viele Ideen wie möglich zu verbauen. Sigh machen es in dieser Hinsicht genau richtig: Die unzähligen Instrumente, die man für die Kompositionen einspielte, erschaffen ein klangliches Kaleidoskop bei dem man Spaß hat die unterschiedlichen Farben und Formen zu erfassen. Viel hält sich im Hintergrund und will vom Hörer erst entdeckt werden. Ähnlich verhält es sich mit den Musikstilen mit denen die Japaner flirten.

Ist das denn noch der Black Metal, den man zumindest in der Genrebezeichnung der Band verspricht? Abgesehen vom Gekrächze und Bellens von Bandchef Kawashima, einigen stereotypen Lyrics sowie dem typischen Riffings, lautet die Antwort nein. Was Sigh mit „In Somniphobia” machen ist eine genreübergreifende, kreative und höchst spannende Tour de force. Der aufgeschlossene Fan der härteren Gangart sollte das keinesfalls verpassen und muss auch keine Bedenken haben seinen Prog- und Experimentalfreunden das Teil auszuleihen.

Anspieltipps:

  • The Transfiguration Fear
  • Amnesia
  • Far Beneath The In-Between
  • Equale I) Prelude II) Fugato III) Coda

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