Gauner - In Wirklichkeit Träumer - Cover
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Gauner In Wirklichkeit Träumer


  • Label: P-Pack Records
  • Laufzeit: 70 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
7.1/10 Leserwertung Stimme ab!

„Mann, wie viele Schätze kann man nie in den Auslagen sehen? Räumt die Schaufenster leer, dass die Leute wieder in den Laden gehen!“

„Manche brauchen ein ganzes Album für vielleicht fünf gute Zeilen, man hört und spürt, dass sie keine Minute dran feilen, klatschen was hin ohne Herzblut drin. Ich weiß, ich brauch zu lange für meinen Shit, aber jede Zeile macht Sinn.“ macht Gauner in „Gauners Skit“ klar und trifft den Nagel auf dem Kopf.

Auch wenn Berlin eine der Hochburgen des Deutschraps ist, vergessen viele Menschen, dass es auch in der Hauptstadt ein Leben vor Bushido, Sido und dem seligen Aggro Berlin, sowie deutschem Gangsterrap, wie er sich bis in die Gegenwart herauskristallisierte, gegeben hat. Gauner zum Beispiel gehört zu den dienstältesten MCs, der sich, um ihn zu zitieren, „nicht ohne Grund im Untergrund“ aufgehalten hat. Ganz weg war Gauner aber nie. Er machte etliche Kollaborationen mit Kollegen, leitete über Jahre das HipHop Mobil und gab im Rahmen dessen Workshops an Schulen oder mischte mit seinem Team „Agrar Berlin“ die deutsche Poetry Slam Szene (Vize-Champion 05/06) auf. Gerade die Überkreuzung von Rap und Poetry Slam macht Gauner auf seinem zweiten Album „In Wirklichkeit Träumer“ zu einer echten Alternative im deutschen Rap-Business. Beide Welten ergänzen sich in Gauners persönlichem Mikrokosmos perfekt und schleichen sich intensiv in Herz und Kopf hinein.

Auf „In Wirklichkeit Träumer“ verstecken sich so manche kleine Juwelen, die allesamt von der enormen sprachlichen Begabung Gauners zeugen. Da gibt es melancholisches („Karlshorst“, „Kämpfer“, „Sie schläft“), Abrechnungen (?) mit dem Rap an sich („Ich sah's kommen“), Experimentelles („Evolution?“) oder auch kleine Ausbrüche („Aggression und Druck“, „Bergab geht’s schneller voran“). Gauner nimmt seine Themen ernst und versteht es ihnen eine adäquate Erscheinung zu verleihen, die andere Künstler nur schwer ohne Fremdschämfaktor hätten schreiben können. So hebt „Vom Fischer und seiner Frau“ zwar den Öko-Zeigefinger, kriegt aber durch geschickte und innovative Wortspiele ein textliches Grundgerüst, dass selbst dieses ausgelutschte (und dennoch hochaktuelle) Thema zu Gold in Gauners Händen macht. Authentizität findet sich auf „In Wirklichkeit Träumer“ an allen Ecken und Enden. Das hört man und das hebt den Protagonisten von vielen Zeitgenossen angenehm ab.

„Ich heuchle nicht. Ich könnte schon, aber danke, ich weiß ich bräuchte nicht, doch ich geb' euch mich. Weich gekocht und hart gesotten, 70 Kilo gewachsener Charakter unter meinen Klamotten.“

Insgesamt ist Gauner als Künstler echt, sympathisch und ungekünstelt. Er macht sein Ding mit unglaublich viel Ehrlichkeit, Können und weiß aus den Seelen seiner Hörerschaft zu sprechen. Sein Zielpublikum findet sich definitiv nicht im Umfeld der meisten kommerziellen Outputs, sondern eher bei einem erwachsenen, reiferen und/oder nachdenklichen Publikum. Dort aber erst mal angelangt, schlägt „In Wirklichkeit Träumer“ wie eine Bombe ein. Gauner ist definitiv gekommen, um zu bleiben und liefert ein wortgewaltiges und hochintelligentes Stück Rap ab, dem der kommerzielle Erfolg nicht vergönnt ist und deshalb mehr und mehr zum absoluten Geheimtipp wird.

Anspieltipps:

  • Ich sah's kommen
  • Kämpfer
  • Bergab geht's schneller voran
  • Aggression und Druck
  • Vom Fischer und seiner Frau

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