Can - The Lost Tapes - Cover
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Can The Lost Tapes


  • Label: Mute/Rough Trade
  • Laufzeit: 196 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Can zeigen mit unveröffentlichtem Material eindrucksvoll, warum u.a. Radiohead und Geoff Barrow (Portishead, Beak>) ihre Inspiration aus der Musik der Kölner Legenden ziehen.

Can gründeten sich 1968 in Köln und sollten im Laufe ihrer bedeutenden Karriere und durch die Veröffentlichung zahlreicher Alben (darunter das gemeinhin als Referenz gesehene „Tago Mago“, 1971) nicht nur das Genre Kraut-/Prog-Rock prägen, sondern auch Musiker von Radiohead, Sonic Youth, New Order und Portishead zu ihren Fans zählen können. Ihr Beitrag zu gelösten Songstrukturen und Improvisation als Gegendarstellung zum damals stereotypen Bild der Rockmusik hallt noch heute weit über die europäischen Grenzen hinaus. So ist es ein Fest, tatsächlich noch einmal „neues“ Material der Band um Jaki Liebezeit und Holger Szukay in den Regalen vorzufinden.

Das Boxset „The Lost Tapes“ beinhaltet 30 unveröffentlichte Tracks aus den Jahren 1968 bis 1977, die vor kurzer Zeit entstaubt wurden, als das Rock´n´Pop-Museum das Can-Studio in Weilerswist erwarb. Unter den Songs befinden sich keine Outtakes, sondern vollständige und zu Ende gedachte Stücke, die aus diversen Gründen nicht veröffentlicht wurden, doch so manche Perle enthalten und schließlich ein wunderbares Zeitdokument sind. In der Besetzung aus Holger Czukay (Bass), dem 2001 verstorbenen Michael Karoli (Gitarre), Jaki Liebezeit (Schlagzeug) und Irmin Schmidt (Keyboard) mit dem Gesang von Malcom Mooney sowie Damo Suzuki ist in den Songs noch heute der Spirit und die musikalische Dichte deutlich spürbar. Schon der Opener „Millionenspiel“ wandelt in wirbelnden Perucssions, südafrikanisch anmutend und durch Bläser mit einem gehörigen Swing ausgestattet, so dass die vielschichtige Instrumentierung sofort zum Hörer vordringt. Diverse Halluzinogene sicher nicht nur im Geiste beherzigt, ist „Evening All Day“ im Gegensatz zum schwungvoll eingängigen Auftakt eine undefinierte Klangcollage mit teils arg verstörenden Sounds und dabei wie gemacht für die Untermalung eines Gruselthrillers der abseitigen Sorte.

Leicht hörbar ist diese Zusammenstellung nun wahrlich nicht, allein aufgrund der fulminanten Spieldauer. Doch das wäre ohnehin eine Beleidigung für eine Band wie Can. Sie standen stets für Progressivität und stellen es auf „The Lost Tapes“ in bester Manier zur Schau. Ob nun vermeintlich gradlinige Stücke, zögernde Zwischenspiele oder weitläufige Epen: In diesen neun Jahren des Entstehungsprozesses beleuchten sie derart viele Spielarten, darunter Funk, Jazz, Ambient, Noise und Samba-Rhythmen, in deren Nähe andere Bands in deutlich längeren Zeiträumen niemals vordringen.

Wie in den besten Momenten von Sonic Youth häutet sich das nahezu 17-minütige „Graublau“ mehrfach durch verschiedene Noise Rock-Regionen, startet neu und zittert schließlich vor drückenden Industrial-Beigaben: Electro im Jahre 1969! „True Story“ auf der zweiten CD bettet Storytelling auf klagend geheimnisvolle Keyboard-Melodien, während „Spoon“ in der Live-Version träumerischen Seventies-Rock mit allerlei synthetischer Verzierung in die Höhen treibt. Überhaupt dürfte die zweite Scheibe für Einsteiger die beste Wahl zum Anfang sein. Dort vereinen sich knappe Stücke mit ausgeprägten Soundtürmen, die in der Gesamtheit einen perfekten Überblick auf das Schaffen und die verschiedenen Musikrichtungen der Kölner geben. Und so gelingt es den Herren auch auf CD Nr. 3 den Spannungsbogen hoch zu halten und trotz der zeitweise erschlagenden Spieldauer von mehr als drei Stunden ein Vermächtnis erster Güte zu veröffentlichen. Eine lang anhaltende Freude für jeden „Krautrock“-Fan und -Interessierten.

Anspieltipps:

  • Millionenspiel
  • Deadly Doris
  • Graublau
  • Spoon – Live
  • Dead Pigeon Suite
  • Abra Cada Braxas
  • Midnight Men
  • Messer, Scissors, Fork and Light
  • Barnacles

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