Cat Power - Sun - Cover
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Cat Power Sun


  • Label: Matador/INDIGO
  • Laufzeit: 49 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Chan Marshall entwaffnet auch den letzten Skeptiker und wir alle sagen ja zur Sonne, ja zur Zukunft und ja zum Leben.

Die Rockerin, die Piratin unter den sensiblen Singer/Songwriterinnen ist zurück. Keine wie Dillon, keine wie Lykke Li, keine wie irgendeine dieser derzeitigen Favoriten die Kunsthochschulabsolventinnen so haben ist Chan Marshall alias Cat Power.

Eine amtliche Psychose ist ihr diagnostiziert worden, mehrfach schon pendelte sie zwischen eindeutig gesundheitsgefährdenden Alkohol- oder illegalen Drogenkonsum und dem Überwinden solcher Probleme – die wortlos abgebrochenen Shows vor bald einer Dekade, sie sind Teil ihrer Legende geworden, auch wenn es gar nicht so viele waren.

Tja Amy, Chan Marshall ist zur rehab gegangen, inzwischen legt sie ihr neuntes Album vor und schau nur, was aus ihr geworden ist (hättest du es auch mal gemacht). Mit dieser Marshall kann man wirklich Pferde stehlen gehen, und nicht nur auf dem Sofa Narcoticas zu sich nehmen und von derlei vorhaben erzählen.

Nach sechs Jahren nun das erste Eigenmaterial der in den Neunzigern sich eine eingeschworene, äußerst Treue, vorwiegend weibliche, leise sprechende, sich schwarz kleidende und nachts selten das WG-Zimmer verlassende Fanschar erspielt habenden Marshall. Geschafft hat sie das mit entrückt sensitiven, schonungslosen Einblicken in ihr verletzlich-depressives Seelenleben, allen voran mit ihren Alben drei und vier, „What Would The Community Think“ und dem Indie-Monument „Moon Pix“.

Wer Ende der Neunziger PJ Harvey hörte, hörte auch Cat Power (um nicht selten bei Feist zu landen). Dabei war Marshall von all diesen damaligen wie heutigen Indie-Damen immer die rockigste, all ihre Songs entstanden auf der Gitarre, nicht am Piano, erst ihr jetziges Album bildet da eine Ausnahme, zudem immer die betrunkendste, immer die unberechenbarste, kurz, immer diejenige, deren feminine Feinfühligkeit nur eine Facette ihrer Persönlichkeit abbildete.

Sie schwamm sich erfolgreich frei nach dem Millennium, mit Pauken und Trompeten und lauten Rockriffs, Konzertskandalen, Klinikaufenthalten und zwei der vielleicht besten reinen Cover-Alben der jüngeren Pop-Geschichte. „Satisfaction“ von den Stones zu covern ohne das man es erkennt und es trotzdem ein toller Song bleibt, nötigte nicht nur Musikjournalisten allerhöchsten Respekt ab, sondern auch stetig mehr und mehr Berufskollegen.

Das letzte jener Cover-Alben vor vier Jahren war nun also auch das letzte musikalische Lebenszeichen von Cat Power, abgesehen von Background Vocals auf Beck's „Modern Guilt“ (auf „Orphans“ und „Walls“), Marianne Faithfull's „Easy Come, Easy Go“ oder Eddie Vedder's Ukulelen-Solo-Album. Und auch wenn die Pause zum letzten Eigenmaterial noch länger war, das konnte nun wirklich keiner erwarten: Nicht die abgeschnittenen Haare, nicht ein positiv konnotierter Albumtitel namens „Sun“, nicht Friedenspfeife rauchende Songtitel wie „Human Being“ oder „Peace & Love“ verwundern am meisten hier, nein, es ist der Sound. Affirmativ, lebens- und zukunftsbejahend klingt „Sun“, mit vielen Uptempo-Beats aus der Drum-Machine, sommerlich-elektronischen Keyboardklängen, die bisweilen sogar karibisch ausfallen und Botschaften voller Versöhnung und Vergebung kommunizieren. Die eindimensionale Fanschar aus den Neunzigern hatte sie zum Glück schon vor Zeiten vor den Kopf gestoßen, dennoch irritiert ein Cat Power-Album gänzlich ohne depressive Momente zunächst arg.

Aber wie fulminant und geradezu hinreißend sich eine der Zukunft zugewandte Cat Power anhört! Ob im pulsierenden Rock-Stomper „Silent Machine“, im lässig Finger schnippenden „3, 6, 9“ oder in der Hymne dieses Albums und Cat Powers derzeitiger Lebensphase schlechthin, „Ruin“. „What are we doing? We're sitting on a ruin”, die Welt ist schlecht, aber jetzt wird dazu getanzt und nicht geheult! Von der Boulevardpresse nicht unbeachtet blieb ihre Trennung um ihren 40. Geburtstag Anfang des Jahres von einem bekannten Schauspieler mit dem Marshall nicht nur vier Jahre zusammen war, sondern für ihn und seine Tochter auch nach Los Angeles umzog. Doch kein Wort bitterer Tränen oder depressiver Stimmungen, selbst resümierenden Momenten wie auf „Cherokee“ („Never knew love like this/never knew pain like this“) wohnt eine beeindruckende Stärke inne.

Ja und wenn dann noch im 11-minütigen Ratschlag-Song für die Teenager-Tochter des Ex („It’s up to you / to be like nobody / It’s up to you / to be a superhero”) Iggy Pop erhaben und souverän miteinstimmt und brummt „you’re world is just beginning“, dann entwaffnet Chan Marshall auch den letzten Skeptiker und wir alle sagen ja zur Sonne, ja zur Zukunft und ja zum Leben.

Anspieltipps:

  • Ruin
  • Cherokee
  • Nothing But Time
  • 3, 6, 9
  • Manhattan
  • Silent Machine

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