Swans - The Seer - Cover
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Swans The Seer


  • Label: Young God Records
  • Laufzeit: 119 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Apocalypse now! Man könnte mittlerweile ja bei einem neuen Album der Swans geneigt sein zu denken: Irgendwann tut's nicht mehr weh. Oh doch, das tut es. Und wie.

Die Presselandschaft ist sich unisono einig, und in bestimmten Fällen – wie hier – einfach zu Recht: Spiritus Rector Michael Gira hat mit seinen Swans ein im Wortsinn wahnsinniges, atemberaubend sprachlos machendes, überbordend opulentes, brachial schonungsloses Opus Magnum erschaffen, dass ihm alles abverlangt hat; keine Angst (oder gerade doch?): dem Hörer wird es ein Stück weit selbiges kosten.

Das war nun wirklich nicht abzusehen, damals 1982, als zum Beispiel noch kurzzeitig Thurston Moore den Bass für Giras Schwäne depressiv bearbeitete, dass nach über 14 Jahren Funkstille 2010 ein überraschendes und unkommerzielles Comeback dieser musikalischen Todestruppe über uns hereinbrach („My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“), und welches schon damals, also gerade einmal vor zwei Jahren, in höchsten Tönen gepriesen wurde für seinen klugen Querschnitt aus dem Swansschen Koordinatensystem zwischen Akustik-Folk und Brachial-No-Wave, jenem seltsamen Verschnitt der die Swans so fürwahr inkommensurabel sein lässt.

„The Seer“ ist im noch viel gesteigerten Maße eine zusammenfassende und zusammenführende Werksschau, als Doppel-CD in fast exakt 120-minütiger Länge gnadenlos durchexerziert. Es ist, alle Zeichen deuten darauf hin und verdichten sich dazu, der unumkehrbare Höhepunkt einer Band, die schon immer an thematischen Abgründen balancierte. Gira selbst bekennt: „The Seer took 30 years to make. It's the culmination of every previous Swans album as well as any other music I've ever made, been involved in or imagined.”

Allein der 32-minütige Titelsong reicht völlig aus um alle Hedonisten dieser Welt über die sieben Berge zu jagen; Gira platziert ihn in die Mitte des ersten Teils, zuvor hat uns schon „Mother Of The World“ ehrfürchtig gewahr werden lassen, dass sich seine Methode noch längst nicht ausgelutscht hat, es immer noch genauso weh tut wie eh und je eine Swans-Platte zu hören, und da haben wir noch längst nicht den zweiten Teil in Angriff genommen. Auf jenem überrascht dann zu Beginn Karen O von den Yeah Yeah Yeahs, die noch eben bei Santigold aushalf und hier eine beruhigte, folkige Introduktion als wohltuend sanftmütige Botschafterin des kommenden grandiosen Unheils darbietet. Die Kaskaden an himmelstürzenden Gefühlsmomenten im weiteren Verlauf, ob auf „Avatar“, „The Apostate“ oder „A Piece Of The Sky“: sie sind nicht wirklich vermittelbar, man muss sie erleben, sich ihnen aussetzen. Ein Meer aus Brutalität, Dissonanz und Krach, das gleichzeitig Gravität, Schönheit und Symmetrie verkörpert. Bei Swans stoßen Einordnungsversuche an sehr deutliche Grenzen.

Noch ein O-Ton von Gira für die Presse: „Despite what you might have heard or presumed, my quest is to spread light and joy through the world.” Und: „My friends in Swans are all stellar men. Without them I'm a kitten, an infant. Our goal is the same: ecstasy!“. Die Etablierung jener Ekstase ist mehr als gelungen. Ich weiß ehrlich nicht wie Gira das hier jemals toppen könnte, die Frage ist natürlich, ob er es denn muss. Jedenfalls ist „The Seer“ das Durchdringendste was diese durchdringende Band je vollbracht hat. Den Preis dafür findet man sicher nicht im Discounter, folgerichtig konstatierte Gira nach Beendigung dieses Monumentalprojekts: „I’m a completely wrung-out washcloth of a human being.“ Punkt.

Anspieltipps:

  • Mother Of The World
  • The Seer
  • Avatar
  • Song For A Warrior
  • The Apostate
  • Piece Of The Sky

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