Aimee Mann - Charmer - Cover
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Aimee Mann Charmer


  • Label: Red Distribution
  • Laufzeit: 38 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Als wäre sie nie weg gewesen.

Bei Aimee Mann noch auf Entwicklung zu warten, ist ungefähr so, als würde man beim Boss Bruce Springsteen noch eine Dance-Pop-Platte vermuten. Aimee Mann macht eiskalt dort weiter, wo „@#%&! Smilers“ aufgehört hat. Sogar die Prämisse des Albums geht mit dem Vorgänger einher. Ging es vor vier Jahren noch um jene bösen, nervigen Ja-Sager und grinsenden Wesen um einen herum, handelt „Charmer“ von der Wirkung von Persönlichkeit und Charme. So das Leitthema einer unglaublich unspektakulären Platte, die anscheinend versucht auf dem Teppich zu bleiben.

Dieselben Keyboardsounds wie schon zu Zeiten des reinen Konzeptalbums „The Forgotten Arm“ und das melancholisch warme Gitarrenspiel mit Country-Elementen sind das Programm, welches Manns erwachsene Frauenstimme umgarnt. Der ganz große Pathos aus „Magnolia“-Tagen ist ihr (scheinbar) bewusst abhanden gekommen und „Oscar loser“-Sounds wie „Save Me“ wurden durch eine weit minimalistischere Geschichtenerzählerin abgelöst. Schon auf „@#%&! Smilers“ schien es schwer – gerade als nicht Muttersprachler – die Songs dieser Frau noch richtig zu würdigen. Zu wenig scheint in der Musik zu stecken, die das schmückende Beiwerk der gewohnt ehrlichen und treffsicheren Texte ist.

Auf „Charmer“ beginnt das gleiche Problem von vorn. Achtet man auf den Text, will man nickend zustimmen und darüber vielleicht noch bei einem Glas Rotwein (oder wahlweise roter Schorle) über gerade Gehörtes sinnieren. Die Melodie ist allerdings auf seichtem Fußmitwippniveau. Inzwischen aus der Mode geratene Keyboardklänge wirken befremdlich und keine Hookline will den Track so recht ins Ohr des Hörers tragen. Diese Diskrepanz zwischen Musik und Text kommt noch ein paar Mal vor, auch wenn die Lieder „Labrador“, „Gumby“ und „Slip And Roll“ zeigen, dass auch eine friedliche Symbiose noch möglich ist

Auf musikalischer Ebene wird man jedoch selten mitgenommen, sodass kein „Little Tornado“ oder eben ein „Wise Up“ für die großen Gefühle sorgt. Die Musik selbst streift den Hörer hier und da, aber nur die Texte bleiben hängen. Das ist eine nicht zu unterschätzende Schwäche. So kommt jeder Track über 3:30 Minuten in den kritischen Bereich, da die schlicht zu simplen Melodien durch Wiederholung langweilen. Das passiert aufgrund der knackigen Albumlänge glücklicherweise nicht oft, bleibt für eine Sängerin der Klasse von Mann allerdings ein kleiner Schock.

Charmer ist und bleibt ein angenehmes Stück Musik und es ist auch der bisherige Ruf, welcher die Sängerin etwas nach unten drückt. Während fast jedem Stücks möchte man meinen, dass noch mehr drin gewesen wäre. Dann hört man aber wieder auch genauer auf den Großteil der Texte und kann nicht anders, als das Lied noch einmal zu hören. Das sich daraus ergebende Paradox ist eine merkwürdige Mischung aus Belohnung und Strafe für den Hörer, die bisher noch im Guten überwiegt. Für die Zukunft muss Aimee Mann solch lange Pausen wie zu „Charmer“ allerdings konsequenter nutzen, um auch auf musikalischer Ebene zu investieren. Sonst ist der Ausklang einer der ganz Großen ihres Fachs am Ende nur ein Hauch, den niemand mehr hört.

Anspieltipps:

  • Labrador
  • Slip And Roll
  • Gumby

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