Witt - Dom - Cover
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Witt Dom


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 47 Minuten
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2/10 Unsere Wertung Legende
4.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Von wegen „die Kirche im Dorf lassen“: Joachim Witt errichtet direkt mal einen Dom. Leider sind Kitsch und Pathos kein geeignetes Fundament für wirklich Großes.

„Wann kommt die Flut?“ hat der goldene Reiter Joachim Witt vor 15 Jahren angsterfüllt geflüstert. Nun, hier ist sie: Eine wirkliche Flut von wabernden Synthies, jubilierenden Chören und klebrigen Streichern. Und mittendrin Witt: „Ich schwimme in der Brandung meiner Seele / Und ich erreiche kein Ufer mehr“, singt der in „Beben“. Zutreffend, denn tatsächlich ertrinkt er auf „Dom“ mehrfach in seinem eigenen Soundbrei.

Uferlos ist auch die Dreistigkeit, in welcher der Pressetext versucht, aus den überschaubaren großen Momenten seiner Karriere - „Goldener Reiter“ (1981), „Die Flut“ (1998) und der aktuellen Single „Gloria“ - so etwas wie eine Erfolgstrilogie zu basteln. Da wird das jüngst veröffentlichte Liedchen direkt mal zu einem weiteren „Meilenstein“ erhoben. Was angesichts des Einstiegs der Single auf Platz 84 der deutschen Charts doch eine höchst optimistische Sichtweise scheint. Möglicherweise war sie dem Umstand geschuldet, dass deutschsprachiger Gothic-Pop sich qualitätsunabhängig in den vergangenen Jahren wie geschnitten Brot verkauft hat.

Das Konzept hinter „Gloria“ lässt sich so auch unkompliziert entschlüsseln: Tauschte man dort die Engels- gegen Kinderchöre und die brüchige Stimme Witts gegen die des Grafen, wäre die nächste Unheilig(e)-Reißbrett-Hymne geboren um zu leben… Sicherlich, die eine oder andere Melodie zum Mitschunkeln (freilich mit grimmigem Blick) ist Witt für dieses Werk eingefallen. Der Titel „Jetzt Geh“ etwa, von der „Deutschlandstiftung Integration“ als offizieller Liedbeitrag zur Kampagne „Geh deinen Weg“ auserkoren, klopft, getrieben von flotten Trommelklängen, eingängig und dynamisch aus den Boxen. Wo sich der musikalische Ansatz des NDW-Helden bei der Mehrzahl der Songs verorten lässt, zeigt jedoch „Tränen“ eindrucksvoll: Da umarmen Streicher eine traurige Stimme, die gen Ende erzählerisch in großväterlicher Anmutung über das Leben sinniert. Das hat sich in dieser Form bisher nur Michael Holm in „Tränen lügen nicht“ getraut. Und eben dem hätte dieser Schlager auch deutlich besser zu Gesicht gestanden als Witt, dessen Stimme schlicht der hier zwingend erforderliche Schmalz abgeht.

Viel Schlager, etwas Gothic für Scheindüstere (solche, die zum Einschlafen unter der schwarzen Bettdecke lieber das Licht anlassen) und manchmal gar ein bisschen Rammstein (nachzuhören bei „Leichtsinn“, wo er zur Marschmusik den Wind nicht „durch grüne Auen“ sondern „durrrrch grüne Auen“ wehen lässt): So klingt Joachim Witts weitgehend aus Pathos und Kitsch zusammengesetzte Kathedrale. Dass die Texte bis hierhin kaum erwähnt wurden, wird indes ihrem Gehalt gerecht: Dem ehemals als Systemkritiker durchaus positiv aufgefallenen Künstler sind heuer selbst Plattitüden wie „Die Hoffnung stirbt zuletzt / Halt an der Liebe fest“ nicht zu doof, um die kahlen Synthesizer-Wände seines musikalischen Bauwerks irgendwie vollzukleistern.

Anspieltipps:

  • Jetzt Geh
  • Leichtsinn

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