Carly Rae Jepsen - Kiss - Cover
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Carly Rae Jepsen Kiss


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 50 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Schwappt mit Carly Rae Jepsen ein entzückendes Guilty Pleasure zu uns herüber oder ist die Kanadierin lediglich ein perfekt vermarktetes One Hit Wonder?

Vancouver, 2007. Ein belebtes Café mitten in der Innenstadt. Eine dort beschäftigte, 21jährige Kellnerin gibt zusammen mit einem Freund ein Akustikkonzert. Schon als sie ein kleines Kind war, träumte sie von einer Karriere als Musikerin. Zum ersten Mal stand sie vor größerem Publikum im Rampenlicht, man hörte ihr gespannt zu. Kurz darauf folgten weitere Auftritte in diversen Bars und Kneipen und der steinige Weg vom Tellerwäscher zum Millionär begann. Doch schon bald wurden die ersten Meter auf dem scheinbar endlos währenden „American Way Of Life“ in Riesenschritten zurückgelegt, als sie sich auf Anraten eines Bekannten bei der fünften Staffel der Talentshow „Canadian Idol“ anmeldete und den dritten Platz belegte. Der Grundstein für ein Singer/Songwriter-Debüt wurde gelegt und zumindest in ihrem Heimatland heimste „Tug Of War“ (in Kanada im September 2008 erschienen) mit einer Mischung aus Folk, Indie-Charme und lieblichen Melodien durchwegs positive Kritiken ein und die beiden Singleauskoppelungen „Bucket“ und „Tug of war“ wurden vergoldet.

Weihnachten 2011. Irgendwo in Kanada unter dem Weihnachtsbaum eines gewissen Justin Bieber. Der millionenschwere Posterboy der Twitter-Generation zwitschert gerade, er bekommt den Song „Call me maybe“ einer gewissen Carly Rae Jepsen nicht mehr aus dem Kopf und um seinem Ohrwurm mehr Gewicht zu verleihen, produziert er mal schnell ein Video gemeinsam mit seiner Freundin Selena Gomez und der befreundeten Ashley Tisdale. Das Video wird ein enormer Hit und „Call me maybe“ setzt sich alsbald in den Köpfen der ganzen Welt fest, da ein massives Airplay in den Radios nicht lange auf sich warten lässt. Sinnfremde Vergleiche mit dem strunzdummen „Friday“ einer Rebecca Black keimen auf, im Kern ist die Nummer jedoch nicht mehr als ein entzückender Discopopsong mit umgarnenden Synthiestreichern, der von Liebe auf den ersten Blick handelt. Es muss schließlich nicht immer kompliziert sein und der Erfolg gibt dem kleinen aber feinen Track recht: Nummer 1 in 17 Ländern, darunter England und Amerika, in Deutschland und Österreich besetzt man immerhin die Top 3. Das „Guilty Pleasure“ 2012 ist geboren.

Im gleichen Atemzug veröffentlicht Jepsen ihre erste EP namens „Curiosity“ (02/20102) und vom Folk-Anteil des Erstlings bzw. den Singer/Songwriter-Spuren ist nichts mehr vorhanden. Das Hauptaugenmerk liegt auf leicht verdaulichem Radiofutter, das bestenfalls zum dezenten Kopfnicken einlädt. „Mir war klar, dass sich mein ganzer Ansatz als Musikerin verändert hatte, nachdem ich mit Bands wie Marianas Trench und The New Cities auf Tour gewesen war. Schließlich hatte ich gesehen, wie sie das Publikum zum Feiern und zum Tanzen brachten – und das hat mich voll umgehauen. Ich wollte also auch Musik machen, die diese Art von Energie versprüht. Parallel dazu hörte ich noch ganz andere Sachen, Musik von Robyn, La Roux und Dragonette zum Beispiel, und das alles beeinflusste diesen Wandel natürlich auch, der sich da in mir vollzog. Zunächst wusste ich zwar nicht, wie die Leute reagieren würden, schließlich hatte ich vorher immer diesen gewissen Folk-Einschlag gehabt, aber andererseits konnte ich mich auch nicht dagegen wehren, dass das nun mal in mir passierte“, erklärt sie den drastischen Wandel von handgemachten Kompositionen zum am Computer hergestellten Electrosound der Lady Gaga-Generation, der beim zweiten Longplayer nun noch stärker zum Tragen kommt.

Persönlich mag sich der Stilbruch womöglich bezahlt gemacht haben, der Hörer steht aber wie bei der „Curiosity“-EP mit „Kiss“ musikalisch weiterhin im Regen. Das eigene Melodie- und Textgespür wird in die Hände solch berühmt-berüchtigter Songschreiber wie Dallas Austin (Michael Jackson, Madonna, P!nk, Gwen Stefani), Redfoo alias Stefan Kendal Gordy (LMFAO, Will.I.Am, Far East Movement), Bonnie McKee (Katy Perry, Taio Cruz, Britney Spears, Ke$ha), Josh Abraham (Weezer, Shakira, Linkin Park, Kelly Clarkson), Toby Gad (Beyoncé, Alicia Keys, Natasha Bedingfield, Demi Lovato), Lukas Hilbert (Yvonne Catterfeld, Peter Maffay, Christina Stürmer) oder Max Martin (Ace Of Base, Backstreet Boys, Nsync) übergeben und der Ausbau einer eigenen Identität wird somit im Keim erstickt. Kaum verwunderlich ist daher die völlige Austauschbarkeit des Produktes „Kiss“. Der Song „Call me maybe“ kämpft beinahe als Minderheit um sein unscheinbares, aber letztendlich doch wesentlich wirksameres Popidyll. Die restlichen Tracks sind entweder simple 08/15-Teeniekost mit Gekratze und Gefiepe („Curiosity“, „Turn me up“), gleichgültiges Radiogedudel („More than a memory“, „Hurt so good“), klebriger „Woahohoh“-Gesangsunterricht mit Owl City („Good time“) oder seltsam aufgeregtes Synthiegeplucker („Guitar string / wedding ring“).

Eindringliche Melodien sind entweder zu niedlich verpackt („Tiny little bows“) oder offenbaren sich überhaupt erst im hinteren Drittel als Mischung aus aufbegehrenden Bummsbeats („Tonight I´m getting over you“), emotionalen Halbballaden („Your heart is a muscle“) und 90er Jahre Discosound („I know you have a girlfriend“). Das unabdingliche Duett mit Kickstarter Justin Bieber darf natürlich auch nicht fehlen und fällt gemessen am restlichen Material ausgesprochen ruhig und angenehm aus. Von einer Offenbarung ist „Beautiful“ trotzdem meilenwert entfernt. Wer nach dem bezaubernden Überhit „Call me maybe“ von Mrs. Jepsen also ein gleichwertiges Album erwartet hat, das mit weiteren, subtil agierenden Popsongs dieser Güteklasse hantiert, der wird bitter enttäuscht werden und selbst jene, die an „Kiss“ keine Erwartungen geknüpft hatten, dürften mit dem beliebigen Mischmasch aus Herzschmerz, Synthies, Discobeats und gefühlskalten Bässen, der genauso gut von Hilary Duff, Miley Cyrus oder jedem anderen Teenieidol stammen könnte, nicht viel anfangen. Schließlich läuft Musik dieses Kalibers jeden Tag (beinahe) kostenlos im Radio.

Anspieltipps:

  • Beautiful
  • Call Me Maybe
  • Tonight I´m Getting Over You
  • I Know You Have A Girlfriend

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