Pur - Schein & Sein - Cover
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Pur Schein & Sein


  • Label: Music Pur/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 56 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Von Katzen, Delphinen und der Herz-Jesu-Basilika...

Preisfrage: Was haben die Bands Rammstein, Böhse Onkelz und Pur außer ihrer Herkunft gemeinsam? Ganz einfach, alle drei Bands sind – so unterschiedlich sie auch sein mögen – extrem polarisierend, haben frenetische Anhänger, ebenso leidenschaftliche Gegner und bieten mit großen Angriffsflächen genug Potential, dass die Subjektivität von Kritikern und Rezipienten herrlich überschäumen kann. Dabei haben es Pur durchaus verdient, dass man jegliche Scheuklappen aber auch rosarote Brillen ablegt und eine nüchterne Annäherung versucht. „Schein und Sein“, das 14. Studioalbum der Baden-Württemberger, ist ein Werk, das man mit einem Mindestmaß an Gerechtigkeit und der Frage, was denn Pur überhaupt von uns wollen, angehen sollte. Die meisten Anhänger werden sich sowieso wie kleine Kinder freuen, während der Zweifler weiterhin zweifeln und verteufeln wird. Die Wahrheit ist, dass jegliches Extrem von Vornherein völlig belanglos und seit Jahren langweilig ist: Hartmut Engler und seine Jungs machen konsequent weiter und bieten trotz fast traditionellen, doch zaghaften Experimenten genau das, was ihnen Erfolg und, wenn man so will, Recht gibt. In ihrer eigenen kleinen Welt sind sie so unantastbar, dass sowohl Lob als auch Tadel in Anbetracht ihres Schaffens zu Schall und Rauch werden. Will heißen: Fans brauchen sich nicht um die vorprogrammierten Verrisse von Hatern zu kümmern, während eben jene zweite Gruppe sowieso ihre Zeit verschwendet, wenn sie denkt, andere von ihrer Meinung überzeugen zu können. Machen wir also einfach mal Tabula rasa und alles auf Anfang!

Das Artwork von „Schein und Sein“ sticht sofort extrem ins Auge. Wer die britische Neo-Prog-Band Pendragon und ihre Alben „The Window Of Life“ oder „Not Of This World“ kennt, wird sich direkt einen gewissen Zusammenhang interpretieren wollen. Dabei ist die DNA von Pur klar zu erkennen, auch wenn „Schein und Sein“ mit süßen Kätzchen, einem DFB-Spieler und Captain Jack Sparrow sicherlich das wohl kitschigste Cover der Band überhaupt hat. Im Endeffekt ist aber eh nur die Musik wichtig. Hier bieten Engler und seine Jungs einen interessanten Mix aus typischen Pop-Klängen und Ausflügen in andere Gefilde, welche sich im Bezug auf die unzähligen Hits oder Hitmixe auf welche Pur von der breiten Masse reduziert werden, als klare Kontraste anbieten. Doch sind es die typischen Songs, die auch 27 Jahre nach dem Erstling mit Pur-Label funktionieren und den Hörer abholen. Sanfte Popklänge mit wohlig-warmen Keyboard- und Pianoklangteppichen reißen die Dominanz an sich, pointierte Einsätze von Akustik- und Stromgitarren garnieren dann die hauptsächlich eingängigen Songs. Wenn man das Schema verändert, dann nur für relativ kurze Zeit und so rapide, dass sich jeder wenig offene Hörer schnell von solchen Momenten erholen kann.

Der Opener und gleichzeitige Titeltrack ist direkt ein Song, der wie viele des Albums auf Nummer Sicher geht. Fröhliche Rocker wie „Jedes Mal“, „Hohlraumversiegelung“ oder „Stark“ sind wie die leicht bombastischen Power-Balladen „Der bestmögliche Versuch“ oder „Der Trick dabei“ (mit deutlichem Zitat von Kate Bushs „Army Dreamers“) oder Wohlfühl-Nummern („Ich bin dein Lied“) Pur-Standard, welchen Fans erwarten und natürlich bekommen sollen. Alles hat eine durchweg hohe kompositorische Mindestqualität, zeugt von der Erfahrung alter Hasen, die wissen, was sie tun, ist aber gleichzeitig keinesfalls neu und hätte so auch auf jedem anderen Werk der Gruppe seinen Platz gefunden.

Vom eingeschlagenen Kurs wagen sich Pur dann – ebenfalls fast traditionell – dann doch noch. Die zwei Glanzstücke auf „Schein und Sein“ sind „Du lügst“ und „Sacre-Coeur“, welche sich in ihrer gesamten Qualität (d.h. sowohl musikalisch als auch lyrisch) nicht hinter Songs wie „Treib mich weiter“ („Mächtig viel Theater“, 1998) oder „Immer wieder“ („Es ist wie es ist“, 2006) verstecken müssen. „Du lügst“ gibt dem Titel des Longplayers mit dem geschickt eingebundenen Zitat von „Schein und Sein“ die Subtilität, die dem Opener fehlt und erhebt die Komposition zum inoffiziellen Titeltrack des Albums. Musikalisch kratzt man mit leicht verstimmten E-Gitarren sogar am Hardrock und zaubert eine melancholisch angehauchte Hymne aus dem Hut, die live zu 100% funktionieren sollte. Der Ausflug in Bombastgefilde findet seinen Höhepunkt in einem schönen Gitarrensolo. Komplett anders ist das überaus dezente und zurückhaltende „Sacre-Coeur“. Die Pianoballade darf durchaus als Purs eigene Interpretation eines Chansons gesehen werden und gehört vor allem auf lyrischer Ebene schlichtweg zum Besten, was die Band jemals geschrieben hat.

Nun ist es so, dass Pur keine Fehlfarben, keine Tocotronic und schon gar keine Elements Of Crime sind oder jemals waren. Und im Großen und Ganzen ist das sowohl logisch als auch vernünftig. Maßstäbe gibt es in dieser Hinsicht keine und wer allen Ernstes Ansprüche stellt, dass Pur keine Texte wie eine der oben genannten Bands schreibt, hat nicht wirklich viel verstanden. Einfach gehaltene Lyrik, oft aus dem Leben gegriffen, dabei leicht verständlich, ohne auf Plattitüden zugreifen zu müssen, die der eigenen Identität nicht dienlich wären, kriegen bei Pur abermals ein altes neues Zuhause. Als Godfathers der deutschen Durchhalteparolen-Mucke haben die Herren eh ein sehr viel besseres Gespür als so manche junge Radiopop-Kombo und wissen zur rechten Zeit die Notbremse zu ziehen, um nicht in absoluter Peinlichkeit unterzugehen. Vieles bewegt sich auf einem schmalen Grat, doch im Gegensatz zu einigen alten Songs gibt es kaum Stolpersteine, die unpassend oder flapsig wirken. „Frei“ ist da trotz guter Ansätze noch am grobschlächtigsten – das kleine Spielchen mit dem Auto-Tune-/Cher-Effekt macht es neben dem Gedanken, dass der gute Wolle Petry für einen solchen Song gemordet hätte, auch nicht besser.

„Geht es dir gut“ perfektioniert den Gedanken der Durchhaltedichtkunst und ist so zum Sterben schön, dass man der Band auf Knien für so viel zuckersüße Kuchenglasur danken will. „Leonie Tamina“ ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Der Titel handelt von einer Delphintherapie und ist purer Kitsch, den das fast schon unantastbar erscheinende Thema (die autobiographische Geschichte der kleinen Leonie Tamina hat definitiv Respekt verdient) zu keiner Zeit rechtfertigen kann. Das eingespielte Gelächter von den Meeressäugern sorgt am Ende nochmal für einen unangenehmen Schauer – falls das nicht schon vorher längst geschehen ist. Überraschenderweise rettet „Lucy“ den Hörer. Spätestens nachdem Engler sein „beste Katze dieser Welt“ geschmettert hat, weiß jeder, um was es in dem gemütlichen Pop-Rocker geht. Gitarren die sich wie Miauen anhören und ein herrlich simpler, witziger und doch leicht ironisch scheinender Text verleihen „Lucy“ eine ordentliche Portion Charme.

Bleibt festzuhalten, dass „Schein und Sein“ ein weiteres Mal das Album geworden ist, welches man von Pur erwartet hat. Sie machen das, was sie am besten können und in der Art und Weise wie sie es machen, sehr viel runder, stilsicherer und souveräner als so manch andere Band. Und genau das muss man ihnen einfach zu Gute halten. Kritiker stürzen sich trotzdem wie wilde Tiere auf „Schein und Sein“ und dürfen deshalb mit gutem Wissen direkt ignoriert werden. Das gilt dann natürlich auch für fanatische Anhänger, denn „Schein und Sein“ bleibt zwar extrem ordentlich, verpasst es aber, sich ganz oben in der Diskographie von Pur sein Plätzchen zu sichern. Viele solide und typische Songs, einige wirklich großartigen Nummern mit dem Potential, Vorzeigetitel der Band zu werden, und leider auch ein paar Schwachpunkte machen „Schein und Sein“ zu einem Album, das Fans sowieso schon ihr Eigen nennen, das aber auf der Abhakliste von Pur-Interessierten einen mittleren Platz einnehmen wird.

Anspieltipps:

  • Sacre-Coeur
  • Der bestmögliche Versuch
  • Geht es dir gut
  • Du lügst
  • Lucy

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