Porcupine Tree - Octane Twisted - Cover
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Porcupine Tree Octane Twisted


  • Label: KScope/EDEL
  • Laufzeit: 128 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
7.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Mal kälter, mal wärmer, präsentiert sich dieses Trostpflaster, das über die Leerlaufzeit der Band hinweg helfen soll.

Was macht eine Plattenfirma, wenn die Fans anfangen rum zu nörgeln? Entweder ein Best Of- oder ein Live-Album auf den Markt werfen, dann sind die Fans wenigstens kurzfristig ruhig gestellt und die Band gerät nicht in Vergessenheit. Es ist irgendwie verwunderlich, solche typischen Muster der Musikbranche mittlerweile auch bei einer Nischenband wie Porcupine Tree zu beobachten. Deren Fanbasis scheint in den letzten Jahren wirklich gehörig gewachsen zu sein. Das neue Live-Doppelalbum „Octane Twisted“ ist der verlängerte Arm von „The Incident“, denn die erste CD beinhaltet die vollständigen 14 Stücke der „The Incident“-Suite, am 30. April 2010 in Chicago am Stück durchgespielt. Die zweite CD bietet eine Zusammenstellung wichtiger als auch selten gespielter Songs aus verschiedenen Schaffungsphasen, seltsamerweise aber nicht vom gleichen Konzert, sondern von einer Aufnahme in der Londoner Royal Albert Hall vom 14. Oktober 2010.

Handwerklich gibt es an der Konzertaufnahme nichts auszusetzen, die Band bietet live immer einen wirklich überragenden Klang und eine perfekte Umsetzung der Musik. Nur wird genau dies auf der ersten CD ein wenig zum Verhängnis, weil die Musik einfach zu nah an der Studioversion ist. Eine richtige Liveatmosphäre kommt nicht auf, klar sind ab und an Klatschen und Pfeifen zu hören, aber die Musiker spielen das Album 1:1 herunter, so kalt und präzise wie das Thema des Albums. Dies zu schaffen ist auch eine Kunst für sich, aber eben nicht immer zielführend. Selbst der einzige wirkliche Unterschied, der auf einem Konzert zu hören ist, nämlich der treue Live-Unterstützer John Wesley an Gitarre und Hintergrundgesang, ist kaum herauszuhören, weil seine Stimme im Vergleich zu Steven extrem leise gedreht wurde. Wieso? Wenn jemand das Studioalbum hören möchte, dann hört er das Studioalbum, diese Ergebniskosmetik ist völlig unnötig.

Die Überraschung folgt mit dem Einlegen der zweiten CD, denn die in London eingespielten älteren Songs bieten all die fehlenden Elemente, bis auf John Wesley, der auch hier mundtot gemacht wurde. Die Band spielt viel freier, lockerer und nicht nur strikt nach Noten. Gavin darf wieder über die Stränge schlagen und sein präzises Drumming zur Schau stellen und Richard seine Klangkollagen ausweiten. Der „Hatesong“ gleich zu Beginn zeigt eindrucksvoll, wie mitreißend ein Song live sein kann. Natürlich verträgt nicht jeder Song solche Freiheiten, aber besonders die längeren Stücke lassen genug Spielraum für Veränderungen. Die Fusion zweier Progperlen wie „Russia On Ice“ und „Anesthetize“, zwischen denen eigentlich sieben Jahre liegen, zu einem neuen 15-minütigen Ganzen, ist eine von diesen angenehmen Überraschungen, die ein Livekonzert zu einem besonderen und unvergesslichen Erlebnis machen. Mit der selten gespielten langen Version von „Even Less“ (zu finden auf „Recordings“) ist das nicht anders.

Das wirkliche Highlight dieses Livealbums ist die zweite CD, die im Kontrast zur kalten und präzisen ersten CD mit mehr Wärme und Leidenschaft daherkommt und wenigstens ein gewisses Gleichgewicht herstellt. „Octane Twisted“ bleibt aber, was es ist, nämlich gut, aber lediglich ein Trostpflaster für die Fans, denn drei Jahre sind bereits seit „The Incident“ vergangen und weiterhin ist kein neues Album in Sicht. Steven Wilson hat momentan andere Prioritäten und arbeitet weiter an seinem nächsten Soloalbum im King Crimson-Stil. Wer die Zeit weiter überbrücken will, der kann sich im Bandshop noch das Livealbum „Atlanta“ im Flac-Format kaufen.

Anspieltipps:

  • Hatesong
  • Russia On Ice / The Pills I’m Taking
  • Even Less
  • Time Flies

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