HGich.T - Mein Hobby: Arschloch - Cover
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HGich.T Mein Hobby: Arschloch


  • Label: Tapete/INDIGO
  • Laufzeit: 47 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Dilettantismus, Brachialhumor und Wahnsinn erreichen eine bisher unbekannte anarchische Einzigartigkeit.

Schaut man sich die Wertung eines Albums an, dann geht man mit dem Kritiker entweder d'accord oder ist völlig anderer Meinung. Ist ein Album nun großartig, vielleicht sogar ein Klassiker, völlig mittelmäßig oder eher unterdurchschnittlich? Das ist im Endeffekt trotz einer angestrebten Objektivität und Fairness gegenüber dem jeweiligen Interpreten/der jeweiligen Band immer eine subjektive Angelegenheit und als solche auch dringend notwendig. Und dann kommen HGich.T und sind als Musiker, Künstler oder was auch immer sie wirklich sein wollen, eine Chimäre aus absolutem Unvermögen, überschäumender Kreativität und (in ihrer eigenen, kleinen Welt) Genialität etwas, was kaum in ein Raster hineinpassen will. Zehn Punkte, ein Punkt, null Punkte – Was auch immer „Mein Hobby: Arschloch“ wirklich verdient, es handelt sich um eine Extreme. Wäre es anders, dann wäre auch HGich.T kein extremes Erlebnis mehr. Das, was dieses Hamburger Künstlerkollektiv aber bietet, ist ein extremes Erlebnis. Ob es nun extrem gut oder extrem schlecht ist, ist und bleibt subjektiv.

Fest steht allerdings, dass so ziemlich alles, was die ganz unterschiedlichen Mitglieder dieser Vereinigung machen, sich in Dimensionen bewegt, die nicht greifbar sind oder sein wollen und bei denen Otto Normal mit seiner Frage nach dem Warum verzweifeln wird. HGich.T, was angeblich „Heute geh ich tot“ bedeuten soll, scheren sich nicht um Hörer, Zielgruppen oder Moden und sind in ihrem Handeln, bei ihrer Musik und den dazugehörigen Texten unberechenbar oder zumindest so gezielt unberechenbar, dass der Empfänger eine solche Illusion bekommt. Irgendwo zwischen Dadaismus, Goa, Techno, Totalabsturz und einem Brachialhumor, der selbst Helge Schneider zu einem Schuljungen degradiert, agieren HGich.Ts Protagonisten – und man darf von ihnen halten, was man will – einzigartig und unnachahmlich. Mit ihren Videobeiträgen wie „Hauptschuhle“ oder „Tutenchamun“ wurden sie auf YouTube schlagartig berühmt-berüchtigt, polarisierten, konnten aber auch eine „Fangemeinde“ für sich gewinnen.

Ihre größten Hits haben sie auf „Mein Hobby: Arschloch“ kompiliert, um sie in Form einer Silberscheibe (alternativ auch Vinyl) auf den Rest der Menschheit loszulassen. Unter den Songs befinden sich natürlich die mittlerweile legendären „Hauptschuhle“, „Tutenchamun“, „Harz For“ und „Tripmeister Eder“, aber auch Fanlieblinge wie „Der geile Max“ oder „Die affengeile Klopapiernummer“. Jeder dieser Songs ist eine Trash-Hymne, wie sie kein anderer Interpret hätte schreiben können. Es sind mit leichten elektronischen Beats und befremdlichen Effekten, Furzgeräuschen, Jingles und Violinen (!) unterlegte Oden an den schlechten Geschmack. Die Texte, von denen so manch einer glauben könnte, sie würden von Tutenchamun, dem Warnweste und Windel tragenden Star „gesungen“ (der eigentliche Sänger bleibt inkognito), sind das klare Highlight auf „Mein Hobby: Arschloch“. Themen wie Hartz IV verwandeln sich in Drogenphantasien oder Ausschweifungen von Kinder- oder Fäkalsprache. Die Lyrics bestehen zum Teil aus Phrasen, Schlagwörtern oder kleinen Geschichten, die als Ganzes für eine einzigartige Heterogenität sorgen. Kapieren soll und muss man das nicht. Das Chaos, die absolute Unberechenbarkeit sowie die Tatsache, dass man sich an den wahnwitzigen, unorthodoxen Texten amüsieren und erfreuen kann, machen den Reiz und den Charme aus. Es reicht allein das Bewusstsein aus, dass Gegner von HGich.T sich über deren „Kunst“ so sehr vor den Kopf gestoßen fühlen, dass man sich selbst als eine Art „Eingeweihter“ in einem Kosmos aus Klängen, Farben und völligem Nonsens sehen kann. Dabei lehnen die Mitglieder jeglichen Versuch, sie auf eine elitäre Ebene von Künstlern zu erheben ab („Künstlerschweine, Künstlerschweine, ja ich breche euch die Beine“).

Eventuelle Versuche, HGich.T als Außenstehender zu erfassen, straft Anna-Laura, Gerüchten zufolge der Kopf des Ganzen, ab: "Tut ja nicht so, als ob ihr irgendwas verstanden hättet!" Und damit hat er Recht. Würde man HGich.T wirklich verstehen, ginge der merkwürdige Zauber der Idee verloren. Und „Mein Hobby: Arschloch“ ist ein Werk, welches man entweder liebt oder hasst. Es gibt keinen Raum dazwischen. Ob nun einzigartig gut oder einzigartig schlecht: Selbst der größte Kritiker muss zugeben, dass HGich.T einzigartig sind. Für die meisten wird es sich um ein Sammelsurium aus Trash der übelsten und niedersten Sorte handeln, für andere ist es in einer Welt, in der Metal und Punk ihre einstige frische Wut und Brachialität bzw. ihren revolutionären Geist verloren haben und in der Lady Gaga längst als kalkulierende Geschäftsfrau ertappt wurde, eine der letzten wahren Grenzüberschreitungen.

Anspieltipps:

  • Hauptschuhle
  • Die affengeile Klopapiernummer
  • Harz For
  • Der geile Max
  • Verarschen kann ich mich selbst
  • Tutenchamun

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