HGich.T - Lecko Grande - Cover
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HGich.T Lecko Grande


  • Label: Tapete/INDIGO
  • Laufzeit: 47 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Bizarr, drastisch, polarisierend: HGich.T sorgen mit ihrer höchst fragwürdigen „Kunst“ weiterhin für einen Kollaps von Erwartungshaltungen des kulturellen Mainstreams.

„Doch auch Scheiße kann wärmen. Die Urvölker haben damit ganze Generationen überlebt. Es hilft, wenn der Kern einer Sache erkannt wird. Der Kern ist in diesem Fall ein neues HGich.T-Album.“ So steht es in der Beschreibung des Hamburger Künstlerkollektivs HGich.T und besser kann man es gar nicht ausdrücken. Wie auch schon „Mein Hobby: Arschloch“ ist „Lecko Grande“, der zweite Longplayer von HGich.T, ein Extremerlebnis, welches den Rezipienten - wie auch immer er auf den musikalischen Totalabsturz reagieren mag - nicht kalt lassen wird oder kann. Wieder einmal ist das Album randvoll mit Nonsens, gepflegtem Dilettantismus und Humor gefüllt, welche in ihrer Gesamtheit bei vielen Menschen ein riesiges Fragezeichen über dem Kopf hervorzaubern werden. Und wieder einmal scheren sich HGich.T einen Dreck darum, ob ihr Handeln dem Hörer in irgendeiner Weise entgegen kommt oder nicht. „Lecko Grande“ geht keine Kompromisse ein und schlägt seine Schneise der Zerstörung weiterhin durch den guten Geschmack, durch Konventionen und die Perspektive, die man von Musik oder Kunst hat. Dabei entfalten sich eine ganz eigene, für viele Menschen schwer zu erfassende Ästhetik und Magie.

Neu dabei sind u.a. Diddelmaus und Opa16, hinter dem sich der ehemalige Oberstaatsanwalt, Filmkritiker, Schauspieler und Autor Dietrich Kuhlbrodt (*1932) versteckt. Beide werden in ihren eigenen Songs gefeatured. Tutenchamun, ausgerüstet mit Sonnenbrille, Warnweste und Pampers, ist ein weiteres Mal natürlich der große Protagonist und das charismatische Aushängeschild des HGich.T'schen Happening-Electro-Goa-Techno-Bastards. Auch wenn es nur scheint, als singe er selbst, er bleibt die große Ikone der Gruppe. Der Gesang jedenfalls ist so unglaublich schief und schlecht, dass es fast schon wieder gut ist. Auf Rhythmen, Metren oder Reime wird auf der lyrischen Ebene komplett verzichtet, auch wenn Songs wie „Der Haken“, „Faxe“ oder „Diddel der Mäusedetektiv“ beinahe schon die hypnotischen Ausmaße eines Mantras annehmen. Die Texte an sich sind abermals höchst fragwürdig und (wahrscheinlich) bewusst schlecht und stümperhaft geschrieben, wodurch sich gerade Charme, Einzigartigkeit und ein außerordentlicher Wiedererkennungswert entwickeln können. Da geht es um Alkoholkonsum („Maipes Kneike“, bzw. „Maikes Kneipe“), in „Diddel der Mäusedetektiv“ um die Abenteuer jener Diddl-Maus und „Die letzten Titten von Betlehem“, vielleicht der zugänglichste Song von HGich.T überhaupt, erzählt vom Schulalltag mitsamt all der Situationen (Fummeln, Kiffen, Streberkloppen, Klos verstopfen, Teelichter auf Autoreifen legen), die wir selbst vom Pausenhof kennen. „Ich liebe dich egal ob du 16 bist“ sowie das folgende Interludium „Opa16“ thematisieren Liebe, generell und angeblich das allumfassende Thema des Albums „Lecko Grande“, zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Altersgruppen. Was uns „Der Haken“, „Mein Arsch“ oder gar das verstörende „Die Klospülung“ sagen wollen? Vieles bleibt im Unklaren und wirkt wie das Ergebnis von Brainstorm-Sessions oder intuitiver Poesie, die gezielt Schlagworte oder Phrasen sucht, welche sich gegenseitig ausschließen. Vielleicht sollte man auch gar nicht so tief in das Universum von HGich.T eintauchen. Als Außenstehender bleibt einem die Antwort eh verwehrt, wobei es unklar ist, ob die Damen und Herren hinter dem Verein ihr Handeln selbst verstehen. Ist es bei Helge Schneider oder einem Dadaisten wie Kurt Schwitters oder Hans Arp grundsätzlich hilfreich, so etwas wie Kongenialität erreichen zu wollen, um dem Humor neue Nuancen zu geben, zerschellt jeglicher Versuch, dies bei HGich.T zu machen, an ihrer Barriere einer noch nie erlebten und ultimativen Unberechenbarkeit.

„Lecko Grande“ bietet ein weiteres Mal die wohl radikalste musikalische und lyrische Erfahrung, die man jemals erlebt hat. Der Kultstatus von HGich.T wird konsequent weiterhin untermauert und ohne Biegen und Brechen fortgeführt. Die Bewertung sollte wie bei „Mein Hobby: Arschloch“ ähnlich grenzwertig ausfallen: Ein Punkt oder vielleicht doch zehn? Insgesamt gesehen ist „Lecko Grande“ wie sein Vorgänger komplett unrezensierbar. Im direkten Vergleich hatte der erste Longplayer aber mit dem Evergreen „Hauptschuhle“ oder „Der geile Max“ größere „Hits“ und zelebrierte den Trash noch ein wenig krasser und unkalkulierbarer. Im Endeffekt ist jedes weitere Wort aber sowieso egal. „Tut ja nicht so, als ob ihr irgendwas verstanden hättet!“, sagt der gute Anna-Laura von HGich.T doch so schön. Eine eigene Meinung sollte man sich dennoch bilden können. Und es bleibt dabei: Für den einen ist und bleibt HGich.T ein großer und einzigartiger Spaß, für den Rest einfach nur Scheiße. Beide Meinungen sind legitim. Und das ist gut so!

Anspieltipps:

  • Ich liebe dich egal ob du 16 bist
  • Der Haken
  • Die letzten Titten von Betlehem
  • Diddel der Mäusedetektiv
  • Mein Arsch
  • Die Klospülung
  • Faxe
  • Maipes Kneike

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