Lana Del Rey - Born To Die: The Paradise Edition - Cover
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Lana Del Rey Born To Die: The Paradise Edition


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 82 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Oh, du Unfröhliche!

Lana Del Rey wird seit November vergangenen Jahres als vieles, beinahe alles, gehandelt. Sie sei die Wiedergeburt von Marilyn Monroe, die Stilikone der Gegenwart, eine Indie-Prinzessin, irgendwie voll hübsch, ey, und mega talentiert, johlen Hipster-Blogger weltweit. Eine verwöhnte Göre sei sie, ein erneutes Plastikpopsternchen, auf das die Welt gut verzichten könne, die Inkarnation von Daisy Duck, eine chauvinistische Dirne, nörgeln ihre Kritiker. Lana Del Rey spaltet Mutti und Vati, ihre Musik wird entweder als Soundtrack des Paradieses oder als elfte Plage empfunden. Mit Erscheinen ihres vermeintlichen Debütalbums „Born To Die“ wurden die Stimmen - außer Lanas eigene - nur noch lauter. Jeder kämpfte um ein Stück vom Kuchen, entweder um es genüsslich zu verspeisen oder um sich davon zu überzeugen, dass Konditor Fritze um die Ecke doch bessere Backwaren anbietet, ganz ohne E-Stoffe und Glukosesirup. Die richtig Schlauen hingegen haben den ganzen Kuchen in der Tiefkühltruhe verstaut, damit er sich länger hält, um auch im nächsten Winter noch von ihm zehren zu können, denn, ganz ehrlich: vielleicht kommen noch viel schlechtere Zeiten.

Und just, wenn der Kuchen wieder aufgetaut auf dem Weihnachtstisch steht, klopfen neben Santa Clause auch schon die schlechteren Zeiten an die Tür: Cindy aus Marzahn ist weltbekannt, Ke$ha hat ein neues Album veröffentlicht, Europa zerfällt und eine neue DSDS-Staffel naht. Da kommt uns eine weitere Lana Del Rey-Festtagstorte ganz gelegen. Geschmacklich unterscheidet sich die „Born To Die - Paradise Edition“ kaum vom Vorgänger, vielleicht weniger süß, ein bisschen herber das Ganze. Mit acht neuen Stücken möchte Lana die Wartezeit bis zu ihrem zweiten Studioalbum erträglicher gestalten, was aber nur bedingt funktioniert, denn berauschend ist allein das Gesamtpaket. Die neuen Songs verblassen neben den alten Hits, das Plattencover hielt man anfangs noch für einen Scherz - billiges Fan Artwork, dachte man sich - bis im Media Markt dann der große Realitätsschock kam, und überhaupt wirkt das alles vor Weihnachten wie jämmerliche Geldschneiderei. Dennoch kann man nicht leugnen, dass es sich hierbei um überdurchschnittlich gute Musik handelt, die zu Recht Anklang findet, was man heutzutage äußerst selten behaupten kann.

Allein der Titelsong und Opener des Albums rechtfertigt diese Aussage: ein grandioses Streicherarrangement belebt dieses Musikwunder, auf nervende Stimmbandakrobatik im Stil von Adele und Beyoncé wird gänzlich verzichtet, Lanas inbrünstiges Gestöhne, die exzellente Produktion und der tief in alten Wunden schürfende Text genügen, um „Born To Die“ zweifelsohne als einen der besten Songs des Jahres zu deklarieren. Mit ebendiesem Potential kommt natürlich auch „Video Games“ daher, die wohl ehrlichste und intimste Hommage an den testosterongeladenen Obermacho aller Zeiten, Lanas Geniestreich, der ihr zu vollkommenem Weltruhm verholfen hat. Die Wucht, mit der sich „Video Games“ vor allem lyrisch im Kopf festsetzt, lässt einen genau das haben und machen wollen, worüber Lana gerade singt. Schaukeln, dem Liebsten ein Bier bringen, Oldtimer fahren, Coca-Cola trinken, rauchen, staubsaugen. Female American Lifestyle eben.

Und während „Summertime Sadness“, „This Is What Makes Us Girls“ und „Radio“ das ziemlich gute Mittelmaß des Albums bilden, gehören „National Anthem“ und „Blue Jeans“, die beide mit der Gabe ausgestattet sind, den traurigsten Sommer des Lebens einzuleiten und einen bis zum bitteren Herbsteinbruch zu begleiten, zu den absoluten Höhepunkten. Vollkommene Entgleisungen wie das triviale „Dark Paradise“ und einschläfernde „Diet Mountain Dew“ werden dagegen überhört und einfach nicht in die iTunes-Medienbibliothek kopiert. Fällt bei der Songfülle eh niemandem auf. Wer nun nach Gründen sucht, warum er sein Geld in diese komische „Paradise Edition“ investieren sollte, obwohl das Debüt doch bereits für schlappe 5,90 € zu ergattern ist, mit schönerem Bild vorne drauf und auf eine einzelne CD komprimiert, dem sollten „Ride“ und „American“ Grund genug sein. Nicht nur, dass „Ride“ das beste Musikvideo der letzten zehn Jahre hervorgebracht hat, es wird auch auf unabsehbare Zeit der Höhepunkt von Lana Del Reys Diskografie sein. Hat man sich dies bewusst gemacht, lassen sich auch überflüssiges Blabla wie „Body Electric“, „Blue Velvet“ oder Textzeilen wie „My pussy tastes like Pepsi Cola“ leichter verdauen. Versprochen.

Somit ist „Born To Die - The Paradise Edition“ bei Weitem kein Meisterwerk, aber eine Sensation, ein geglückter Versuch, Ernsthaftigkeit, Tiefgang und Eleganz massentauglich zu machen. Was Ms. Grant sagt und singt, und vor allem, wie sie es sagt und singt, ist überzeugend genug, um sie als eine der interessantesten und relevantesten Songschreiberinnen des Hier und Jetzt bezeichnen zu können, ohne dabei eine dicke Lippe zu riskieren. Und wer versucht, Lana Del Rey aus seinem Leben zu verbannen, wird spätestens an großen Fassaden, U-Bahnhöfen und Bushaltestellen scheitern und weinend zusammenbrechen, denn: H&M liebt Lana auch.

Anspieltipps:

  • Born To Die
  • Ride
  • National Anthem
  • American
  • Video Games
  • Radio
  • Blue Jeans

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