Daisy Chapman - Shameless Winter - Cover
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Daisy Chapman Shameless Winter


  • Label: Songs&Whispers/CARGO
  • Laufzeit: 53 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Piano-Pop wie aus einem Guss.

Wer die neue Daisy Chapman im Popgeschäft schmackhaft machen möchte, dem dürften die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Allein drei aufeinander folgende Titel auf diesem Album überschreiten jeweils die Sechsminutenmarke. Das passt so gar nicht zur leichten und eingängigen Kost, die uns das Radio predigt. „Shameless Winter“ ist ein auf Tour entstandenes Album, welches frei von Zwängen zu sein scheint. Chapman hat zehn wunderschöne Melodien aus dem Ärmel geschüttelt, die für ein sehr merkwürdiges Tempo sorgen. Dafür klingen die gut 50 Minuten um Daisy und ihren Flügel wie aus einem Guss, der die ungewöhnlichen Längen des Albums rechtfertigt.

„Shameless Winter“ ist kein Weihnachtsalbum, auch wenn der gleichnamige Opener durchaus als klassisch melancholischer Weihnachtssong durchgehen könnte. Die Melancholie, die hier besonders im Chorus den Hörer erfasst, ist jedoch nur ein Vorgeschmack auf lange Großtaten wie „The Gentlemen In 13b“. Dabei variiert Chapman auch innerhalb ihrer Lieder und wirkt dann auch schon mal in der Strophe verwegen, um im Chorus abermals herzzerreißend zu jauchzen („Better Me“).

Die drei überlangen Titel haben dabei jeweils so eine eindringliche Stimmung, dass die jeweiligen Themen sich im Zimmer ausbreiten, bis die Lieder etwas Zeitloses bekommen. Man wartet nicht auf den Höhepunkt oder gar das Ende der Brocken, sondern nimmt sie als Teil der akustischen Stimmung im Raum einfach wahr. Der fantastische Refrain aus „The Gentleman In 13b“ kann nicht oft genug wiederholt werden und die kalte Stimmung aus „Jealous Angels“ wird ganz schnell zum Dauerzustand. Wie Daisy Chapman es schafft diese Stimmungen aufrecht zu erhalten, sollte größten Respekt seitens des Hörers erfahren.

So passt es, dass in „The Life Of Mary May“ bis zur Zweiminutenmarke nichts außer der Stimme Chapmans zu hören ist. So ungewöhnlich die Stille bei anderen Musikern wirken dürfte, erschafft es wie die schon vorherigen Tracks auf ganz eigene Art eine Eindringlichkeit, die unter die Haut geht. Dabei wird nicht jedem jeder dieser Ansätze gefallen. Abermals wird ein gewisses Staunen allerdings bei niemandem ausbleiben, der ein offenes Ohr für Popmusik hat. Als Gegenstück zum vom Gesang dominierten Track folgt dieser Vielseitigkeit, folgt ein Instrumentalstück, welches an moderne Kammermusik erinnern könnte.

Bis zur letzten Minute hat der Hörer wirklich das Gefühl, eine lange Geschichte erzählt zu bekommen. Und in jedem neuen Kapitel erhält man eine neue Überraschung, die mit einem kleinen Handwerkzeugkasten Dinge schafft, welche anderen Interpreten trotz Riesenproduktionen nicht zugänglich sind. Allein dafür lohnen sich die hoffentlich neugierigen Ohren, die sich an diesem intimen Werk erfreuen werden.

Anspieltipps:

  • Shameless Winter
  • The Gentleman In 13b
  • Better Me
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7.5/10

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