Nightwish - Imaginaerum: The Score - Cover
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Nightwish Imaginaerum: The Score


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Nightwish fahren mit ihrem Soundtrack erneut schwere Geschütze auf und lassen das Klangbild von einem Außenstehenden deutlich erweitern.

Der Musiker Tuomas Holopainen ist einer der letzten großen Visionäre des Metals: Seitdem Tarja Turunen die Band verließ, zeigte er umso mehr, dass die Musik seiner Band nicht mit der Qualität und der Präsenz der Sängerin steigt und fällt, sondern dass er das Herz dieser Gruppe ist. Die anderen Musiker, die Sängerin – sie alle setzen seine Ideen lediglich in die Tat um. Jede kleine Idee wird akribisch genau begutachtet und bewertet, bevor ihr Einzug in den Sound Nightwishs gewährt wird. Tuomas Holopainen ist Nightwish. Er ist ein Exzentriker und Genie, der genaue Vorstellungen hat, keine Kompromisse eingehen will oder wird und mit einer fast schon arroganten Zielstrebigkeit eine Art Perfektionismus anpeilt, die im Metal ihresgleichen sucht. Das Projekt Imaginaerum, bestehend aus dem gleichnamigen Studioalbum, der filmischen Umsetzung und eben dem dazugehörigen Soundtrack, reifte fünf Jahre und findet in seiner Gesamtheit nun seinen Zenit. Während „Imaginaerum“ mit großartigem Songwriting, vielen kleinen sich ergänzenden Ideen und einem selten gesehenen Zusammenspiel von Band und Orchester, sicherlich eines der besten Werke der Band ist, wenn nicht sogar das quintessenzielle, und den Symphonic Metal auf eine neue Ebene brachte, wartet die Welt auf den nächsten Schritt von Holopainen und seiner Mannschaft.

Dabei muss sich Tuomas Holopainen erst noch bewähren. Ein guter Komponist muss nicht zwangsläufig auch das Potential haben, einen guten Film machen zu können – in welcher Form auch immer er an der Produktion beteiligt ist. Holopainens Vision ist in visueller Hinsicht irgendwo zwischen Kitsch, Hommagen (z.B. an den sich mittlerweile nur noch selbst zitierenden Tim Burton) und einem mit dem Holzhammer gerichteten Appell an das Kind in uns, anzusiedeln. Ob der Film nun ein absolutes Meisterwerk wird, in der Mittelmäßigkeit versinkt oder zum puren Crossmarketing verkommt - möchte man das Projekt Imaginaerum als Gesamtwerk sehen, wird Holopainens Gigantomanie einer harten Probe unterstellt. Alternativ bleibt immer noch das eigentliche Studioalbum und definitive Herz der Idee, welches in der direkten Relation zum Film-Soundtrack, ein für alle Mal untermauert, dass es auch für sich alleine funktioniert. Für diesen Soundtrack hat man den finnischen Flötisten Petri Alanko gewählt, der die Kompositionen des siebten Studioalbums von Nightwish neu arrangiert und, wenn man so will, „remixt“. Es grenzt dabei fast schon an Ironie, dass Holopainen sein Baby aus der Hand gibt. Während dies bei der filmischen Umsetzung durchaus Sinn ergeben mag und wohl auch notwendig ist, handelt es sich bei „Imaginaerum – The Score“ doch immer noch um einen musikalischen Beitrag des Projekts. Gerade bei Holopainens genauen Vorstellungen verwundert es, dass er Alanko fast komplette künstlerische Freiheit zugestanden hat.

Tatsächlich geht die Umsetzung der eigentlichen Idee auch in Form des Soundtracks auf. Und dies in vielerlei Hinsicht. Die persönliche Verknüpfung mit Filmszenen bleibt natürlich das Optimum, aber auch Kenner des Albums erfreuen sich an den Themen und Zitaten von „Imaginaerum“, welche in derartiger Form noch nicht gehört wurden und sich von der rein instrumentalen Verarbeitung (hörbar auf der Special Edition des Studioalbums) komplett unterscheiden. Und zu guter Letzt funktioniert „Imaginaerum – The Score“ auch für sich alleine gut genug, wobei es aber zweifelhaft ist, ob sich Hörer, die das vorhergegangene Studioalbum nicht kennen, überhaupt dafür interessieren werden. Alanko macht seine Arbeit jedenfalls sehr gut und nimmt allen Kritikern, die Angst haben, dass Holopainens Musik geschändet werden könnte, den Wind aus den Segeln. Auf „Imaginaerum – The Score“ finden sich 13 Kompositionen, welche in ihrer Konzeption den Regeln der Filmmusik folgen. Neben einer wohl starken expressiven Funktion, sind es vor allem Leitmotive, mit denen Alanko arbeitet. Diese basieren wiederum auf den bereits bekannten Songs von „Imaginaerum“, wobei „Taikatalvi“ eine besonders dominante Rolle annimmt und mehrfach variiert wird. Aber auch andere Zitate finden sich immer wieder in Alankos Interpretation eingebettet. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt „Imaginaerum – The Score“ instrumental. Lediglich „Undertow“ und „Wonderfields“ bedienen sich am Kinderchor aus den bereits bekannten „Ghost River“ und „Rest Calm“. „Orphanage Airlines“ bietet den Gesang von „Storytime“ in dezenter Form und „A Crackling Sphere“ ist praktisch eine Eins-zu-eins-Umsetzung von „Arabesque“ inklusive Chor. „Sundown“ schließlich wurde als einer von zwei Tracks mit einem gesanglichen Beitrag von Annett Olzon bedacht und unterscheidet sich nur marginal von „Turn Loose The Mermaids“. So ist Olzon ein wenig im Hintergrund und die Ennio Morricone-Reminiszenz wurde wegrationalisiert. Gleiches gilt für „Deeper Down“ („The Crow, The Owl And The Dove“).

Böse Zungen mögen letztendlich behaupten, dass „Imaginaerum – The Score“ genau das sei, was Tuomas Holopainen musikalisch mit seiner Band noch vorhaben wird. Es folgt dem Schneller-Höher-Weiter-Schema, welches sich seit spätestens „Once“ immer deutlicher zeigt. Dabei ist die Soundtrack-Umsetzung überraschenderweise das Werk, welches sich seit eben jenem Album am bodenständigsten gibt. Orgasmische Bombastmomente rücken im direkten Vergleich zum 2011er Album in den Hintergrund und nicht selten ergreifen eher ruhige Passagen die Vorherrschaft. Zu keiner Zeit hört man ein metaltypisches Instrument. Wie Holopainen selbst seine Kompositionen adaptiert hätte, bleibt nur zu spekulieren. Petri Alanko macht seinen Job letztendlich so gut, passend und professionell, dass das im Endeffekt auch egal ist. Eine gute Wahl also! Fans von Nightwish bekommen mit „Imaginaerum – The Score“ gelungene Umarrangierungen der bereits bekannten Songs, die teilweise komplett anders ausgefallen sind, aber zu jeder Zeit einen Wiedererkennungswert bieten. Das ursprüngliche, originale Material von „Imaginaerum“ ist vielleicht noch ein wenig runder, attraktiver und bot seinerzeit dieses nur noch seltene „Völlig weggeblasen“-Gefühl. Das macht Alankos Arbeit etwas weniger frisch, aber keineswegs schlechter.

Anspieltipps:

  • Orphanage Airlines
  • Undertow
  • Wonderfields
  • From G To E Minor

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