Trick Or Treat - Rabbit´s Hill Pt. 1 - Cover
Große Ansicht

Trick Or Treat Rabbit´s Hill Pt. 1


  • Label: Flying Dolphin/Rough Trade
  • Laufzeit: 44 Minuten
Artikel teilen:
8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Hasenbraten auf Italienisch.

Als damals „Unten am Fluß“ („Watership Down“), die Zeichentrick-Adaption von Richard Adams gleichnamigen Roman, erstmals von den Öffentlich-Rechtlichen ausgestrahlt wurde, hat so manches Kind ein Trauma erlebt. Martin Rosens bitterer Film zeigte drastische, surreale und damals ungewohnt blutige Bilder von seinen getöteten Protagonisten, behandelte für Kinder kaum zu erfassende politische, gesellschaftliche und (trivial-)mythologische Themen und sorgte in der westlichen Welt (endlich) dafür, dass das Genre des animierten Films nicht mehr zu bloßer Unterhaltung von Kindern degradiert wurde. „Unten am Fluß“ erzählt die Geschichte der Brüder Hazel und Fiver, die zusammen mit einigen jungen Mitgliedern ihrer Sippe dem Tod durch Menschenhand knapp entkommen sind und fortan eine neue Heimat suchen. Wer jetzt behauptet, das sei kein passender Stoff für ein Konzeptalbum einer Metal Band, der hat die letzten Jahre hinter dem Mond gelebt. Robin Hood (Edguy, „Age Of The Joker“), The Sixth Sense (Revoltons, „Night Visions“) oder der Comic „Wenn der Wind weht“ (Iron Maiden, „The Final Frontier“) sind nur wenige Inspiration, die für die lyrische und thematische Vielfalt des Genres sprechen.

Trick Or Treat aus Italien nehmen sich tatsächlich der Thematik von Adams Roman an und vertonen die Geschichte der Kaninchen. Und tatsächlich – bleibt man zumindest den Klischees des Metals treu – bietet sich der Stoff an. Er dreht sich zu jeder Sekunde um Tod, ewige Verdammnis (die Kaninchen werden in der Mythologie von „Unten am Fluß“ zu immerwährender Flucht vor ihren Feinden verdammt), Einsamkeit und Verzweiflung. Das Ironische an Trick Or Treat ist aber, dass sie sich mit ihren vorherigen Alben „Evil Needs Candy Too“ und „Tin Soldiers“ konsequent als alberne Platzhirsche des Power Metals präsentiert haben. Helloween zu „Pink Bubbles Go Ape“- oder „Chameleon“-Zeiten sind nichts gegen Uptempo-Nummern über Donald Duck (!) oder Spielzeug. Trick Or Treat sind gezielt dämlicher als die Polizei erlauben. Wer „Unten am Fluß“ nicht kennt, wird eine Geschichte über kleine Rammler als überaus passend für die Ausrichtung der Italiener empfinden. Weit gefehlt: Ihr drittes Album „Rabbit's Hill Part I“ ist nah an der literarischen Vorlage und behandelt diese mit dem nötigen Ernst. Albereien und Blödeleien wird man auf „Rabbit's Hill Part I“ zu keiner Zeit finden.

Stattdessen erwartet den Hörer feinster Italo Power Metal, wie man ihn in dieser Form seit Jahren nicht mehr gehört hat und der immer wieder durch kleine Einfälle aufgelockert wird. Während Elvenking mit Era endlich wieder zu alter Stärke zurückgekehrt sind und ihren Weg konsequent gehen, verstecken sich die meisten Bands mittlerweile im Underground und trauern ihrer kurzen Erfolgsgeschichte nach. Wer mit Power Metal der italienischen Schule etwas anfangen kann, wird auch heute noch abertausende Vertreter finden. Wer wirklich Qualität sucht, muss dagegen lange suchen. Trick Or Treat feiern glücklicherweise Power Metal auf allerhöchstem Niveau und bleiben dem Stil ihrer unzähligen Landsmänner treu. Wo viele Bands stagnierten, setzen Trick Or Treat neu an und bereichern die Klänge von ihrem „Rabbit's Hill Part I“ mit einer gelungenen Mischung aus Melodie und Härte, ohne auf die gängigen Muster und Kitsch-Overkills zurückgreifen zu müssen.

„Prince With A 1000 Enemies“, „The Tale Of Rowsby Woof“ und „I'll Come Back For You“ erinnern noch am ehesten an den Boom des italienischen Metals der frühen Nullerjahre. Aber bereits „Spring In The Warren“ überrascht mit seinen Akustikgitarren und Mundharmonikas als waschechtes Folk-Nümmerchen, welches den Hörer auf die saftigen Wiesen des Watership Downs entführt und der Dramaturgie zuliebe darauf verzichtet, „Rabbit's Hill Part I“ als reines Metal-Konzeptalbum zu präsentieren. „Premonition“ und „Wrong Turn“ flirten mit dem US-Power Metal und hätten genauso gut von Jag Panzer in ihren stärksten Zeiten geschrieben worden sein. Der Titeltrack und „False Paradise“ machen schließlich da weiter, wo Edguy mit „Hellfire Club“ aufgehört haben – hätten Sammet und seine Jungens weiterhin ihr Power-Metal-Ding durchgezogen, hätte es sich genau so angehört. Während „Between Anger And Tears“ ein wenig mit Prog spielt, ist „SassoSpasso“ als eine krude Mischung aus Swing, Smooth-Jazz und experimentellen Tönen das Letzte, was man von einer Band wie Trick Or Treat erwartet. Die Idee ist spannend und witzig, reißt aber leider unnötig raus.

Interessanterweise funktioniert das fast schon obligatorische Cover von Mike Batts bzw. Art Garfunkels „Bright Eyes“ ganz hervorragend. Anstatt den Song zu „metallisieren“, bleiben Trick Or Treat der Vorlage treu und setzen mit virtuosem Gitarrenspiel der Marke Ian Bairnson eigene Akzente. Mit André Matos (ex-Angra) hat man sich einen namhaften Gast geladen. Frontmann Alessandro Conti, Absolvent der renommierten Corale Lirica Rossini, stemmt den Gesangpart allerdings weitgehend alleine und hört sich sehr viel rotziger als bei Luca Turilli's Rhapsody an. Mit einer Band in der Hinterhand, die ein Gros der italienischen Szene locker in die Tasche steckt, schaffen es die fünf Musiker, einem angestaubten Genre zumindest die eine oder andere neue Nuance zu geben. Power Metal-Freunde, die es satt sind, im Underground nach Perlen zu suchen, die zur Abwechslung nicht altbekannte Melodien und Riffs tot nudeln, sollten „Rabbit's Hill Part I“ keinesfalls ignorieren!

Anspieltipps:

  • Spring In The Warren
  • Premonition
  • Wrong Turn
  • Between Anger And Tears
  • Bright Eyes

Neue Kritiken im Genre „Power Metal“
7/10

The Sacrament Of Sin
  • 2018    
7/10

Riding The Storm: The Very Best Of The Noise Years 1983-1995
  • 2016    
Diskutiere über „Trick Or Treat“
comments powered by Disqus