Tocotronic - Wie Wir Leben Wollen - Cover
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Tocotronic Wie Wir Leben Wollen


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 69 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Neues aus der Chefetage.

Wäre die deutsche Indie-Szene eine AG, nur Tocotronic könnte ihr Vorstand sein. Oder besser: Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail sind für den einheimischen Indie-Rock das, was Dendemann für den deutschsprachigen Hip-Hop ist. Da werden Texte rausgehauen, die sich jenseits herkömmlicher Reimkünste ansiedeln und Songs geschaffen, deren Auswirkungen so umfassend sind, dass anfangs nicht selten nur Erstaunen zurückbleiben kann. Obwohl Tocotronic sich ihrer Sonderstellung bewusst sind, lassen sie sich nicht von ihr einwickeln. Man zeigt sich bescheiden und eröffnet die neue Platte „Wie wir leben wollen“ mit einem Augenzwinkern: „Hey / Ich bin jetzt alt / Hey / Bald bin ich kalt / Im Keller wartet / Schon / Der Lohn / Ich / War keiner von den Stars / Ich / War höchstens Mittelmaß / Doch schwere Arbeit / War es nicht / Für mich.“

Fans des Vorgängers „Schall und Wahn“ werden Tocotronic weiterhin lieben, Zeile für Zeile in sich aufsaugen, sich fallen lassen und mit einem zufriedenen Lächeln nach 69 Minuten bereichert in den Alltag zurückkehren. Das gesamte Album wurde mit einer analogen Vier-Spur-Maschine aufgenommen, der Sound ist warm, der Gesang noch weiter im Vordergrund als bisher. Die Texte bilden den Mittelpunkt der Songs, sie bleiben im Gedächtnis, danach erst die Melodie. Die Tocotronic-typische Singleauskopplung à la „Kapitulation“ und „Macht es nicht selbst“ heißt diesmal „Auf dem Pfad der Dämmerung“ und ist für diese Rolle wie prädestiniert. „In die Leere / Will ich kriechen / Um mich soll’s / Nach Erdbeer riechen / Meine Karten / Halte ich / Verkehrt herum / Auf dem / Pfad der Dämmerung“, singt Dirk von Lowtzow mit seiner einschmeichelnden Stimmgewalt, deren Hall sich ausbreitet wie selten zuvor in der 20-jährigen Bandgeschichte.

In ihren Texten schauen Tocotronic nur selten zurück, das mit der Jugendbewegung ist schon zu lange vorbei, die Freaks werden auch nicht mehr gegrüßt. Körper und Befreiung sind die vordergründigen Themen, denen sich die vier Männer anno 2013 mit aller Intensität hingeben. „Ich habe mehr / Als tausend Seiten / Ich bin ein / Fließender Roman / Voller Empfindlichkeiten / Und dennoch inhuman“, heißt es in „Neutrum“, „Ich bin kein Mensch / In der Revolte / Die Revolte ist in mir / Die Revolte ist in mir / In meinem Körper / Nisten die Viren / Die Depressionen / Die mich vernichten“, erklärt Dirk von Lowtzow in „Die Revolte ist in mir“. Für Menschen, die Tocotronic mögen, ist „Wie wir leben wollen“ ein in zwei Teile untergliedertes, 17 Songs umfassendes musikalisches Großereignis. Wer sie noch nie mit Freude hören konnte, wird auch jetzt nicht damit anfangen. Nur eines ahnen alle, auch wenn sie es vielleicht nicht aussprechen: Paroli bieten - können Tocotronic in der deutschen Musiklandschaft die Wenigsten. Sie ersetzen - kann niemand.

Anspieltipps:

  • Vulgäre Verse
  • Höllenfahrt am Nachmittag
  • Auf dem Pfad der Dämmerung
  • Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools
  • Exil
  • Die Revolte ist in mir

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