Nick Cave - Push The Sky Away - Cover
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Nick Cave Push The Sky Away


  • Label: Bad Seed Ltd./Rough Trade
  • Laufzeit: 42 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
8.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Gefangen im musikalischen Treibsand: Nick Cave zieht den Hörer Zentimeter für Zentimeter weiter hinab.

Auf dem Cover öffnet Nick Cave das Fenster, lüftet den Raum und wirkt hinsichtlich der Musik, welche sich hinter dem Artwork versteckt, schon beinahe prophetisch. Tatsächlich handelt es sich hier um das Schlafzimmer im Hause Cave und die nackte Dame ist niemand Geringeres als seine Ehefrau Susie Bick. Macht diese Fotografie „Push The Sky Away“ nun automatisch intimer? Die Antwort lautet nein, auch wenn das 15. Studioalbum von Cave und seinen Bad Seeds dies definitiv ist und ohne Zweifel zu den zurückgezogensten und düstersten der kompletten Diskographie zählt. Nach dem krachig-brachialen Grinderman 2-Erlebnis, war ein „klassischer Cave“ - wenn es denn sowas geben sollte - als Kontrast immerhin längst überfällig. Doch während die erste „Grinderman“ und das letzte Bad Seed-Werk „Dig!!! Lazarus Dig!!!“ zumindest einen gemeinsamen Nenner finden konnten und die The Birthday Party- und Bad Seed-Frühphasen als klar nachzuvollziehenden Ursprung dokumentierten, könnte die Entfernung zwischen dem zweiten Grinderman und „Push The Sky Away“ größer nicht sein.

Die melancholischen und eher ruhigen Werke „The Boatman's Call“ (1997), „No More Shall We Part“ (2001), stellenweise auch „Nocturama“ (2003), kommen einem unweigerlich in den Sinn. Dabei ist es schwer zu sagen, ob der neueste Streich der Bad Seeds nun als eine Fortführung der genannten Alben fungiert oder deren Konzept sogar reduziert. Während ein Song wie „The Sorrowful Wife“ oder „Bring It On“ letztendlich die Stille durch die berühmten Cave'schen Wutentladungen bricht, hält man sich bei den neun Kompositionen auf „Push The Sky Away“ zurück und gibt sich im Vergleich zu vergangenen leichten Annäherungen an den Symphonic Rock sogar spartanisch. Der frische Wind, den der Mastermind zum Lüften benutzt, ist hier ein wohl platzierter Minimalismus: Cave und seine Band suhlen sich in ihrem eigenen Elend und retten sich gleichzeitig durch die fast ausnahmslos bestehenden Hoffnungsschimmer. Die Experimente mit Loop-Effekten und Samples vom Multi-Instrumentalisten Warren Ellis sind dabei ein Novum. Ellis fungiert als klare rechte Hand von Bandleader Cave und ist ein unüberhörbarer Faktor in der Soundkulisse des Albums. Er verpasst „Push The Sky Away“ eine durchgängige hypnotische und gespenstische Wirkung, welche stellenweise sogar an Trip Hop und Neo-Folk der düsteren Art erinnert.

So ziehen Songs wie „We Real Cool“, „We No Who U R“, „Finishing Jubilee Street“ und der abschließende Titeltrack den Hörer in ihren elegischen Sog. „Water's Edge“ ist mit seiner psychedelischen Violinen-Untermalung vielleicht die interessanteste und experimentellste Komposition auf „Push The Sky Away“. Nick Cave erweitert hier anhand von Elementen des Neo-Folk abermals seine Post-Punk-Vergangenheit mit einem verwandten Genre und zitiert einen Musiker wie Matt Howden (vergleiche dessen Album „Sex And Wildflowers“) ohne sich von seiner eigenen Identität zu lösen. „Wide Lovely Eyes“, „Jubilee Street“ und „Mermaids“ dagegen hinterlassen die jüngere musikalische Vergangenheit der Bad Seeds in einem hellen Licht. Während erstere trotz der stark perkussiven Ausrichtungen auch auf dem opulenten Doppelalbum „Abattoir Blues And The Lyre Of Orpheus“ einen Platz gefunden hätten, ist „Mermaids“ im direkten Vergleich zu seinen acht Geschwistern eine fast schon konventionelle (und zum Sterben schöne) Ballade, die die Brücke zu ähnlich ruhigen Alben am ehesten schlagen kann.

Ähnlich konventionell und somit grundsätzlich brillant überzeugt die gewohnt hohe Klasse von Caves lyrischer Finesse. Das kontrastreiche Spiel von Slang, Kraftausdrücken und hoch poetischer, grimmiger Sprache ist das faszinierende Erlebnis, welches man bei einem Album von Nick Cave sowieso voraussetzt. Auch wenn es falsch wäre, von einem Konzeptalbum zu sprechen, zieht sich das Thema von urbanen Legenden sowie kruden google- und Wiki-Suchergebnissen als roter Faden durch das Album. Die bekannten und typischen Konzepte wie Sex und Religiosität (I believe in god/ I believe in mermaids too) finden genauso statt wie Caves augenzwinkerndes Aufgreifen vom Leben im Informationszeitalter und Popkultur: Miley Cyrus floats in a swimming pool in Toluca Lake/ And you're the best girl I've ever had.

Nick Cave selbst bezeichnet das Gesamtwerk insgesamt äußerst passend als sein „Geisterbaby“. Und in gewisser Hinsicht soll er damit Recht behalten. „Push The Sky Away“ nimmt selbst im direkten Vergleich zu all den ziemlich unterschiedlichen Alben der Vergangenheit eine absolute Sonderstellung ein. Während „No More Shall We Part“ eine gedankenverlorene und wehmütige Lebenskrisenbewältigung darstellt und „Dig!!! Lazarus Dig!!!“ sich seinen Weg wild gestikulierend durch Hochhausschluchten bahnt, ist „Push The Sky Away“ vielleicht ein introvertiertes Mädchen, das sich aus lauter Orientierungslosigkeit in ihrem Schneckenhaus im Kreis bewegt, dabei aber zu keiner Zeit sein Ziel aus den Augen verliert. Was auch immer das Album letztendlich darstellen mag: Hoch inspiriert und detailverliebt, aber zur gleichen Zeit extrem zurückhaltend und in sich gekehrt, hat sich „Push The Sky Away“ auf Anhieb einen Platz in der Riege der großen Bad-Seeds-Klassiker verdient.

Anspieltipps:

  • Water's Edge
  • Jubilee Street
  • Mermaids
  • We Real Cool
  • Higgs Boson Blues
  • Push The Sky Away

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