Stratovarius - Nemesis - Cover
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Stratovarius Nemesis


  • Label: Edel Records
  • Laufzeit: 58 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Routine mit all ihren guten und schlechten Seiten.

Stratovarius sind einfach nicht klein zu kriegen. Zum Glück, möchte man da sagen. Fast vergessen scheint die Hälfte der letzten Dekade, welche von Beef mit Meister Tolkki geprägt war und eine Schlammschlacht entfachte, welche im Genre des Power Metals Ihresgleichen suchte. Dann kamen praktisch die „Wiedervereinigung“, der erneute Split und schließlich ein kompletter Re-Boot. Frontmann Timo Kotipelto prägte das Erscheinungsbild seiner Band und ist nicht nur die einzige wirkliche Konstante geblieben, sondern auch das Mitglied, welches es bisher am längsten an Bord ausgehalten hat. In Matias Kupiainen hat er zudem einen starken und handwerklich begabten Verbündeten an der Lead-Gitarre gefunden. Zusammen mit den anderen Musikern drückt man den „neuen“ Stratovarius nach „Polaris“ (2009) und „Elysium“ (2011) zum dritten Mal seinen Post-Tolkki-Stempel auf.

„Nemesis“ ist das Album geworden, welches jeden Fan zufrieden stellen möchte. Knapp eine Stunde bekommt man gewohnte Kost geboten, die aufgewärmt eben doch am besten schmeckt. Da wären auf der einen Seite Ohrwürmer, Hymnen und Bombast-Schmachtfetzen, auf der anderen schließlich ein (wieder) klar demonstriertes Können an den Instrumenten. Dass Stratovarius schon seit Anfang der Nullerjahre von ihrem einstigen Pfad abgewichen sind und nicht mehr einen auf Yngwie Malmsteen machen, ist schon deshalb klar, weil das gezielte Verbinden von Klassik und Metal grundsätzlich immer ein Tolkki-Ding gewesen ist und man sich stets emanzipieren wollte. Auf „Nemesis“ ist es nicht anders, aber Gitarrist Kupiainen zeigt wenigstens ein wenig Mut und versorgt die eine oder andere Komposition mit seinen pfeilschnellen Soli. In Songs wie „Abandon“, „Stand My Ground“ oder dem opulenten, von Männerchören getragenen „Castles In The Air“ fungiert sein virtuoses Spiel als Gegengewicht, das den Kitsch schon vorher im Keim ersticken soll. Ob dies wirklich sinnvoll und/oder überhaupt erwünscht ist, bleibt jedem Hörer dann selbst überlassen. Als Fachmann an seinem Instrument und einer der Hauptsongwriter ist Kupiainen fünf Jahre nach seinem Einstieg ein unverzichtbarer Teil der Band und mehr als ein Kotipelto-Ersatz geworden. Zusammen mit seinen Kollegen wird für eine extrem runde Sache gesorgt: Jens Johansson (Keyboard) strotzt nur vor Souveränität, die Rhythmusfraktion bestehend aus Lauri Porra (Bass) und dem Schießbuden-Neuling Rolf Pilve, welcher Jörg Michael (Abschiedskonzert: „Under Flaming Winter Skies: Live In Tampere“) ersetzt, machen ihre Sache ebenfalls gut und wirken eingespielt.

Insgesamt herrscht eine überraschend klassische Strato-Stimmung, die sich stark an die Ära der Alben „Elements Part I“ und „Elements Part II“ (beide 2003) annähert und diese offenbar als Mitte sieht. Ideen und Elemente von der Zeit vor und nach den Albumzwillingen, baut man munter ein. Ein Hang zu schönen Melodien kennt man bei Kotipelto und seinen Jungs schon zu Genüge - auf „Nemesis“ kommt letztendlich noch eine bisher unbekannte und organische Härte hinzu, die der Band ziemlich gut steht. Leicht progressive Arrangements wie auf „Halcyon Days“ geben schließlich der Larger than life-Ausrichtung in „Out Of The Fog“, im Titeltrack oder im bereits erwähnten „Castles In The Air“ die Klinke in die Hand. Leider auch dem ultra-generischen Power Metal in Form von „Dragons“ und „Fantasy“. Mal im Ernst: Ein Genrevertreter, der es 2013 tatsächlich noch wagt, einen Song ernsthaft „Dragons“ oder gar „Fantasy“ zu nennen und ihn dann tatsächlich in das übliche Up-Tempo-Gerüst zu zwängen, kommt entweder aus dem (italienischen) Underground oder ist einfach nur sehr mutig. Die ausufernde Gitarrenfrickelei und ein wenig Synthi-Geblubber im ersteren täuschen nicht darüber hinweg, dass die Grundidee bis zum Gehtnichtmehr ausgenudelt und abgenutzt ist. Und auch den Happy Metal nach Schema F hat man den Finnen nicht mehr zugetraut. Trotz all der Trademarks und des Vorreiterstatus, die Stratovarius in ihren knapp 30 Jahren aufgebaut haben, wirkt das plump und uninspiriert.

Dafür trumpfen die fünf Herren richtig auf, wenn sie die Bremse anziehen. Die Single „Unbreakable“ ist trotz der Tatsache, dass das musikalische Thema anscheinend von „El espiritu del bosque“ der spanischen Folk Metaler Mägo de Oz abgekupfert wurde, ein großartiger und eingängiger Midtempo-Kracher. „If The Story Is Over“ - eine Annäherung an die stärkste Phase von Sonata Arctica ist hörbar - darf sich gar zu den besten Balladen zählen, die die Band jemals geschrieben hat. Ein bisschen schmachten darf man zwar schon, doch wenn es um Kitsch geht, hat man schon ganz andere Kaliber hören dürfen. „Nemesis“ ist eh im Großen und Ganzen routiniert und so etwas wie eine goldene Mitte. Eines muss man Stratovarius wahrlich lassen: Kotipelto und seine Jungs wissen, was sie tun! Sie wissen, was die Band in ihren Anfangsjahren ausgemacht hat, sie wissen, wann ihr Zenit erreicht war, sie wissen, wohin die Reise gehen wird. Menschen, die bisher noch keinen Kontakt mit der Band hatten, werden mit „Nemesis“ ein Konzentrat bekommen, welches praktisch eine komplette Übersicht darüber bietet, für was Stratovarius stehen. Alle anderen haben - auch wenn es sich hart anhört - schon ganz andere Sachen gehört. Ein Überhammer klingt anders, ein Totalausfall allerdings auch. Summa summarum: Sicherlich großartig für Neulinge, routiniert sowie solide und gewohnt gut für Fans, fast schon übersehbar für Kenner des Genres.

Anspieltipps:

  • Unbreakable
  • Out Of The Fog
  • Castles In The Air
  • If The Story Is Over

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