Riverside - Shrine Of New Generation Slaves - Cover
Große Ansicht

Riverside Shrine Of New Generation Slaves


  • Label: InsideOut/EMI
  • Laufzeit: 51 Minuten
Artikel teilen:
8.5/10 Unsere Wertung Legende
8.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine musikalische Kehrtwende aus Warschau, die ganz hervorragend gelungen ist.

Riverside hatten angedeutet, einen neuen Weg gehen zu wollen, in neue Gefilde vorzustoßen und dafür haben sie sich auch mehr Zeit gelassen als sonst. Was ist also aus diesem Vorsatz geworden? Der Titel ist einmal mehr etwas sperrig geraten, genau wie der des Vorgängers „Anno Domini High Definition“ und genau wie jener lässt er sich vielsagend abkürzen. Die Kurzform „Songs“ beschreibt ganz trefflich die neu eingeschlagene Richtung von Riverside. Nach der zuletzt härteren Musik von „ADHD“ folgt die Kehrtwende und die vier polnischen Musiker werden deutlich Song-orientierter, also eingängiger, langsamer, ja sogar relaxter. Das wütende und aggressive Potenzial hat sich aufgebraucht, nun ist die melancholische Seite hervorgetreten.

Das Verhältnis von Keyboard und Gitarre hat sich fast umgekehrt in der neuen Musik, Grudzinskis E-Gitarre ist des Öfteren unauffällig, bisweilen lediglich Rhythmus oder Hintergrund, während Lapajs Tastenspielereien nicht nur mehr an Raum gewinnen, sondern häufiger in den Vordergrund treten. Dabei hat das Keyboard natürlich nicht mehr den Charakter der Deep Purple-Schweineorgel, es klingt viel elektronischer, atmosphärischer und trotz seiner größeren Präsenz unaufdringlicher. Einige Hörer werden sicherlich die schönen, weinenden Gitarrensoli im David Gilmour-Stil vermissen, doch das ist der Preis für die Weiterentwicklung. Als neues Element sind akustische Gitarrenklänge zu vernehmen, die zusammen mit einigen kurzen Einsätzen von Glockenspielen und ähnlichem, zum Beispiel am Ende von „The Depth Of Self-Delusion“ und nicht nur dort, die Einflüsse von Mariusz‘s Seitenprojekt Lunatic Soul durchscheinen lassen.

„Shrine Of New Generation Slaves“, sprich fünf Wörter für das fünfte Album. Das abschließende „Coda“ wurde wahrscheinlich nur geschrieben, damit das Album die 50-Minuten-Marke knackt. Trotz des Song-orientierten Charakters des Albums weist der Titel schon darauf hin, dass auch diesmal Herr Duda textlich zu einem konkreten Thema geschrieben hat. Die Sklaven der Neuzeit, das trifft doch ziemlich genau auf die heutige Arbeitswelt zu, Menschen, die immer mehr arbeiten und immer weniger Zeit für Familie und Freizeit haben. Das Zeitalter des High Definition ist nur dazu da, alles effizienter zu gestalten, weil immer weniger Zeit fürs Leben selbst vorhanden ist. Was bringt einem das ganze Geld, wenn man keine Zeit hat, es vernünftig zu nutzen?! Guckt sie euch an, die Sklaven, wie sie auf der Rolltreppe in die tägliche Sklaverei fahren. Thematisch ist dieses Album somit eine ganz logische Fortführung des Vorgängers.

Zurück zur Musik. Den geneigten Hörer erwartet mit „We Got Used To Us“ eine melancholische Ballade, die endlich auch ein kurzes Gitarrensolo beinhaltet. Der rockigste Track des Albums und gleichzeitig die größte Reminiszenz an die bisher bekannte Musik der Band ist „Celebrity Touch“, das als Single erschienen ist und zu dem sogar ein Video gedreht wurde. Mit „Deprived“ beginnt der aus zwei langen Stücken bestehende sphärische Teil des Albums. „Deprived“ selbst entwickelt sich langsam aber sehr interessant, mit einem passenden Bass-Solo und einer regelrechten Jazzeinlage zum Schluss, besonders hervorgehoben durch ein Saxophon. Der Longtrack „Escalator Shrine“ hat nach einer Minute diese unglaublich eingängige Basslinie, die ab und an von der Gitarre gedoppelt wird, was gar nicht mehr aus dem Ohr gehen will. Der Track hat noch viel mehr zu bieten, denn genau wie auf dem ganzen Album werden hier viel Abwechslung und viele gute musikalische Ideen geboten. Das einzige etwas störende Element auf dem Album ist die manchmal unnötig verzerrte Stimme von Mariusz, sei es drum.

Riverside haben das wahr gemacht, was ihnen nach der Reality Dream Trilogie viele gar nicht zugetraut haben: ihren Sound zu verändern und sich weiter zu entwickeln. Mit dem Vorgänger haben sie sich zwar losgelöst von der Trilogie, aber erst mit diesem Album haben sie wirklich grundlegend den Sound verändert. Macht weiter so Jungs, denn mit solch unterschiedlichen, abwechslungsreichen und starken Alben, die regelrecht süchtig machen, können wir so einige andere Genregrößen vergessen machen, die schon lange von sich nichts mehr haben hören lassen.

Anspieltipps:

  • Escalator Shrine
  • Deprived (Irretrievably Lost Imagination)
  • Celebrity Touch
  • We Got Used To Us

Neue Kritiken im Genre „Progressive Metal“
Diskutiere über „Riverside“
comments powered by Disqus