Kamelot - Karma - Cover
Große Ansicht

Kamelot Karma


  • Label: Noise Records/SOULFOOD
  • Laufzeit: 56 Minuten
Artikel teilen:
9.5/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Das quintessenzielle Werk von Kamelot.

Mit dem Norweger Roy Sætre Khantatat, besser bekannt als Roy S. Khan, erlebten die US-Amerikaner um Kamelot ihre goldene Ära. Zahlreiche hoch gelobte und kommerziell erfolgreiche Alben veröffentlichte man zwischen 1998 und 2010. Khan wurde das Gesicht und Aushängeschild der Band, ein wichtiger und bei den Fans respektierter Songwriter, Ideenlieferant und die im Nachhinein „klassische Stimme“ der Musik Kamelots. Ein bedeutender Meilenstein in der Geschichte der Gruppe ist dabei ganz klar „Karma“. Das 2001er Studioalbum ist ein Bindeglied zwischen den alten und neuen Kamelot und im Rückblick noch höher anzusehen als sein Release. Die zu jener Zeit vierköpfige Band etabliert mal eben alles, was den eigenen Sound der kommenden Dekade noch ausmachen sollte und festigte ihre Stellung als einer der größten Protagonisten des Genres. Mit „Karma“ beginnt die Erfolgsstory Kamelots erst richtig.

Musikalisch ziehen Kamelot alle Register. Nach dem noch eher traditionellen 99er Werk „The Fourth Legacy“ ist „Karma“ der erste Schritt in die Richtung des mittlerweile zum Markenzeichen gewordenen, unverkennbaren Sounds von Alben wie „Silverthorn“, „Ghost Opera“, „Epica“ oder „The Black Halo“. Als klarer Wendepunkt in der Karriere wirkt „Karma“ in der Retrospektive nur sehr viel frischer, unbeschwerter und innovativer. Der Quasi-Opener „Forever“ geht noch sehr in die Bombast-Power-Metal-Ecke, lässt aber mit seiner metallischen Umsetzung des Themas von Edvard Griegs „Solveigs Lied“ (Peer-Gynt-Suite Nr. 2 op. 55) direkt am Anfang aufhorchen. Mit den klassischen Strukturen des Power- und Symphonic Metals halten sich Youngblood und seine Mannen zwar noch nicht so zurück wie auf folgenden Outputs, finden jedoch einen guten Mittelweg, um alte Fans nicht zu verwirren, neue aber gleichzeitig gewinnen zu können. So ist „Karma“ noch lange nicht die Chimäre aus Genres, die seine Nachfolger werden sollten, sondern bietet alle Elemente des Kamelot'schen Sounds in einer sehr pointierten Form. Kompositionen wie „Wings Of Despair“, das leicht an Savatage erinnernde, stampfende „The Spell“, „Across The Highlands“ und „The Light I Shine On You“ sind klassisch-mitreißende Power Metal-Hymnen mit einem erheblichen Anteil an Ohrwurm-Potential, die sich aber dennoch nicht scheuen, immer wieder zaghaft eine kleine Idee zu bieten. Heute macht das jede zweite Band, für den damals frisch wiederbelebten Power Metal ist das anno 2001 aber noch relativ neu und in gewisser Hinsicht grenzüberschreitend gewesen. Der Mut, sich von den Fesseln des Genres zu befreien, sollte sich im Nachhinein noch bezahlt machen.

Ein wenig anders präsentiert man Songs wie den Titeltrack, den in drei Teile gespaltenen Konzept-Longtrack „Elizabeth“ und die Ballade „Temples Of Gold“. Besonders bei „Karma“ und „Elizabeth“ etabliert man den Sound der noch kommenden Werke am stärksten. Die titelgebende Komposition ist augenscheinlich ein längerer Power Metal-Reißer, der nach und nach aber mit allerlei sinfonischen und progressiven Arrangements experimentiert - es entsteht ein Schwerpunkt, welcher künftig genau anders herum gesetzt werden sollte. Ähnlich ist es bei „Mirror Mirror“, „Requiem For The Innocent“ und „Fall From Grace“, den drei Teilen von „Elizabeth“. Hier taucht man in die Tiefen des Progs ein und etabliert sich gleichzeitig als früher Pionier in jener Hinsicht. Heute baut jede Band, die zwanghaft die Schemata des Power Metals ignorieren will, Prog in ihren Sound ein und wird ironischerweise gerade dadurch durchschau- und berechenbar. Kamelot verzichten auf eine Verkomplizierung aus Notwendigkeit und vermeintlichem musikalischen Anspruch, sondern nehmen sich für die Geschichte der Blutgräfin Elizabeth Báthory genau so viel Zeit wie sie brauchen. Dadurch werden die drei Teile zwar in musikalischer Hinsicht nicht zwangsläufig homogen, aber durchaus abwechslungsreich. Im Vergleich zu ähnlichen Longtracks in der Karriere der US-Amerikaner, z.B. „Prodigal Son“ („Silverthorn“) oder die titelgebende Komposition auf ihrem „Poetry For The Poisoned“, ist „Elizabeth“ aber nach wie vor ganz vorne dabei!

„Temples Of Gold“ ist neben dem süßlichen, akustischen „Don't You Cry“, die einzige richtige Ballade auf „Karma“ und der vielleicht unterbewerteteste Song der Band überhaupt. Wer an die ruhigen Stücke der Band denkt, wird nicht zwangsläufig „Temples Of Gold“ als erstes nennen. Ein Fehler, denn diese melancholisch-atmosphärische Nummer zeigt das songwriterische Können der Band wie kaum ein anderer Song und gehört ohne Frage in die Reihe der Top Hits jener Gruppe. Aber Hits gibt es auf „Karma“ satt! Noch vor dem Kritiker- und Fanliebling „The Black Halo“ zeigt sich die ungewöhnliche Truppe in absoluter Höchstform und prägt das Genre am Anfang des neuen Jahrtausends wie kaum eine andere Band. Wer wirklich guten Power Metal mag und bereit ist, (noch) vorsichtig über den Tellerrand zu blicken, findet mit „Karma“ einen wahren Klassiker des Genres. Besser waren Kamelot bis heute nicht!

Anspieltipps:

  • Forever
  • Karma
  • Temples Of Gold
  • Elizabeth: III - Fall From Grace

Neue Kritiken im Genre „Symphonic Metal“
6.5/10

Where I Reign: The Very Best Of The Noise Years 1995-2003
  • 2016    
Diskutiere über „Kamelot“
comments powered by Disqus