Kamelot - Epica - Cover
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Kamelot Epica


  • Label: Noise Records/SOULFOOD
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.6/10 Leserwertung Stimme ab!

„Ein Mann, der recht zu wirken denkt, muss auf das beste Werkzeug halten.“

„Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.“ Für die US-Amerikaner Kamelot bedeutet dies wohl, dass sie nach ihrem Ausnahmewerk „Karma“ weiterhin einen Weg einschlagen, der vom Power Metal zu einem ganz eigenen, speziellen Sound hinführen soll. Die Band um Sänger Roy S. Khan und Thomas Youngblood macht mit ihrem „Epica“ den nächsten Schritt, der nach dem Vorgängerwerk aber kleiner als erwartet ausgefallen ist. Die Übergänge vom typischen Euro-Power hin zu einem Mix aus Symphonic, Gothic und Prog erfolgen auf und in der Zeit nach „Epica“ subtil und langsam. Dennoch ist „Epica“ weitaus näher an den „neuen“ Kamelot als sein Vorgänger. Allmählich führt das Material auf dem 2003er Werk zum großen Klassiker „The Black Halo“, welcher gleichzeitig auch den zweiten Teil (und den Abschluss) eines Konzeptwerkes darstellt, das mit „Epica“ eingeleitet wird. Nichts Geringeres als den Fauststoff vom ewigen Vorzeige-Deutschen Johann Wolfgang von Goethe will man thematisieren.

In der Zeit nach dem Release von „Epica“ wurde immer wieder betont, wie genau und nahe die Interpretation Kamelots doch an Goethes Faust sei. Die Wahrheit ist, dass das Konzeptalbum sich lediglich an den beiden Teilen der Tragödie orientiert und eine originale Geschichte bietet, die munter mit den einzelnen Figuren Fausts jongliert und einige philosophischen Ansichten übernimmt. Zu kaum einer Zeit jedoch werden zusammenhängende Übereinstimmungen von Album und Tragödie erreicht. Wenn der Doktor Faust zu Ariel wird und das Gretchen zu Helena, bleibt neben der wie erwähnt recht freien Behandlung des Fauststoffs lediglich Mephisto als Fixpunkt. Im Endeffekt taugt „Epica“ also keinesfalls als Alternative zu Goethes Meisterwerk. Musikalisch sieht es jedoch schon ganz anders aus. Kamelot haben ihr vielleicht opulentestes Album in petto, welches die Grenzen des Power Metals abermals verschwimmen lässt, gleichzeitig aber mehr als sein Vorgänger davon bietet. Während die progressiven Elemente nach „Karma“ wieder ein wenig zurückgeschraubt werden, sind es waschechte Hymnen, Ohrwürmer und das Orchester, welche eine bislang beinahe ungewohnte Dominanz bekommen. Das Konzeptalbum, welches von vier Interludien getragen wird, beginnt mit „Center Of The Universe“, welches im Nachhinein zum vielleicht größten Klassiker der Band geworden ist. Zu Recht, denn diese schnelle und eingängige Bombast-Nummer bietet so ziemlich alles, was Kamelot je ausmachen sollte und überstrahlt bereits in den ersten Minuten des Albums das komplette restliche Material mit Links.

Doch auch dieses kann sich durchaus sehen bzw. hören lassen! „Farewell“, „Lost & Damned“ und in gewisser Hinsicht auch „A Feast For The Vain“ sowie „Decent Of The Archangel“ präsentieren sich als klassische Power Metal Up-Tempo-Nummern, während „The Edge Of Paradise“, „The Mourning After (Carry On)“ oder „III Ways To Epica“ mit einem leichten Bombast für Auflockerung sorgen. Jede Komposition strotzt dabei nur so vor Details und mausert sich zum absoluten Grower, der von Mal zu Mal besser wird. Die balladeske Seite des Albums bekommt der Hörer in Form von „Helena's Theme“, „On The Coldest Winter Night“ und „Wander“ auf die Ohren. Besonders „Wander“ ist trotz eines nicht zu unterschätzenden Kitsch-Anteils, eine der schönsten und besten Balladen der Band überhaupt und beweist gleichzeitig die Klasse des Sängers Khan. Musikalisch kann sich „Epica“ also auf jeden Fall sehen lassen! Viele Fans sehen es bis heute als das vielleicht beste Album der Band an - einige von ihnen gründeten sogar eine eigene Gruppe, die eng mit Kamelot zusammenarbeitet und mittlerweile selbst große Hallen füllen kann: Epica.

Zwischen der Aufbruchsstimmung eines „Karma“ und dem ausgereiften und zur Perfektion getriebenen „The Black Halo“ ist „Epica“ sicherlich das am besten zugängige und kompromissbereiteste Werk der Band. Dadurch wird das immerhin 16 Tracks starke Konzeptalbum zwar nicht schwächer, bekommt aber auch nicht die Ausnahmestellung seiner zwei großen Brüder. Für den Liebhaber des bombastischen Power Metals wird „Epica“ aber das Nonplusultra darstellen. Alles, was nach diesem Album kam, entwickelte sich in eine völlig neue, eigenständige Interpretation des Genres. Nach seinem Vorgänger ist „Epica“ also das bislang allerletzte Aufbäumen des klassischen Power Metal-Sounds. Und wie man diesen eindrucksvoll darbietet, ohne in Kitsch-Gefilde zu rutschen, beweisen Kamelot mit großem Können und Selbstsicherheit. Passend dazu: „Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt, Und selbst am Ende bravo sagt, Da muss es was Gescheites werden.“

Anspieltipps:

  • Center Of The Universe
  • Farewell
  • Wander
  • Descent Of The Archangel
  • A Feast For The Vain
  • The Mourning After

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