Little Mix - DNA - Cover
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Little Mix DNA


  • Label: Syco Music/Sony Music
  • Laufzeit: 44 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Phänomen „British Girl Group“: Who’s hot, who’s not?

Britische Girlgroups gibt es in der Musikgeschichte wie Schokoladenriegel in Christina Aguileras Nachtschrank. Alles fing mit den unvergesslichen, hyperaktiven Spice Girls an, die erste singende Mädchenbande mit ausgereiftem Marketing-Kalkül. Das waren die mit den süßen Zöpfen und den Mini-Röcken, die so lustig im Altersheim umhertanzten. Wenig Stimme, viel Schminke. Das waren noch Zeiten, als jeder berühmt werden konnte. 1997, nachdem der Hype um die ganze Glitzer-Gewürz-Welt verpufft war, folgten All Saints. Wer kennt sie nicht, die langweiligen, austauschbaren Perlen, die alle gleich aussahen, außer der Schwarzen? So sind sie für drei der belanglosesten Girlband-Alben aller Zeiten verantwortlich, aber eben auch für unglaublich hochwertig produzierte Hits wie „Pure Shores“ und „Black Coffee“. Das muss man ihnen lassen.

Als 2000 dann das Debütalbum der Sugababes erschien, begann man zu hoffen. So schön multikulti und optisch für keinen Geschmack etwas dabei. Mal was anderes. Als Siobhan Donaghy, das eigentliche Genie dieser Formation, die Band verließ, ging es steil bergab. Au revoir guter „Overload“-Pop, hallo oller „Push The Button“-Trash! Zwei Jahre später wurden durch eine britische Casting-Show schließlich Girls Aloud ins Leben gerufen. Man, die sind heiß, besonders Cheryl Cole, die Granate. Nette Stimmchen haben sie ebenfalls und mit „Call The Shots“ den wahrscheinlich besten Girlgroup-Song im Repertoire. Doch leider widmen sich die fünf Frauen derzeit lieber ihren Solo-Projekten und versetzen damit beinahe alle britischen Insulaner in eine Art Schockstarre, die erst schwindet, wenn England eine geeignete Gruppe gefunden hat, die diese Lücke füllen kann. Diese schwere Last tragen nun die vier Mitglieder der neuen UK-Sensation Little Mix auf ihren Schultern. Doch was macht diese Bratz Dolls-ähnlichen Mädchen so besonders? Hier drei Fakten und Gründe, warum wir Little Mix super finden. Oder eben auch nicht.

Die Entstehungsgeschichte: Little Mix gingen als Sieger der vorletzten The X Factor-Staffel Großbritanniens hervor. Mit Girl-Power und superemotionalem Rumgeheule in jeder Entscheidungsshow eroberten sie im Sturm die Herzen des britischen Fernsehpublikums (vergleichbar mit „Das Supertalent“-Zuschauern in Deutschland) und sind so als erste Gruppe, die jemals ein The X Factor-Format gewonnen hat, in die Casting-Geschichte eingegangen. Was außerhalb der verregneten Insel jedoch fast niemand weiß: alle vier Mitglieder haben sich in der Show zunächst als Solokünstlerinnen beworben und wären nach der zweiten Runde wieder nach Hause geschickt worden, wenn der Jury nicht die grandiose Idee gekommen wäre, aus den sich noch unbekannten Einzelkämpferinnen eine Gruppe zu formen. Natürlich willigten die Mädels ein, denn die eigene Seele für Ruhm zu verkaufen, ist heute gar nicht mehr so schlecht angesehen, wie es damals der Fall war. Traurig: die Erkenntnis, dass man für eine Solokarriere zu charakterlos und untalentiert sei, für eine Gruppe aber gerade gut genug. Cool: Gruppenkuscheln für alle und dass sich Misserfolge im Ernstfall immer auf das Konto der anderen Mitglieder schreiben lassen.

Das Konzept: Little Mix bestehen aus vier vollkommen unterschiedlichen, blutjungen Damen, die alle nur das eine wollen - mit ihrer Musik die Herzen aller Menschen der Welt erreichen. Da gibt es Perrie Edwards, die eisblonde Perfektionistin mit dem großen Stimmenvolumen, die den schönen Mädchen in der Schulmensa ähnelt, die uns uncoole Nerds nie beachtet haben. Jesy Nelson ist die Dicke mit der weichen, warmen Stimme, genau das Gegenteil von Perrie. Sie macht uns Mut, indem sie uns zeigt, dass wir trotz Übergewicht und Monobraue erfolgreich werden können. Wir müssten nur fest daran glauben. Die dritte im Bunde ist Jade Thirlwall, die süße kleine Maus, die uns drückt, wenn wir traurig sind und an unsere beste Freundin aus Kindertagen erinnert, mit der man immer Diddl-Blätter getauscht und über blöde Jungs gelästert hat. And last but not least, Leigh-Anne Pinnock. Leigh-Anne kann eigentlich gar nichts, außer ein bisschen Sprechgesang. Aber sie hat von allen die schönste Figur und ein makelloses Gesicht. Von ihr können wir uns modisch noch eine Menge abgucken, das genügt. Traurig: Gab’s alles schon. Billiger Abklatsch! Cool: Gab’s alles schon. Voll Retro!

Das Debütalbum: „DNA“ besteht überwiegend aus zuckersüßem Pop, für dessen Produktion sich Little Mix ein Jahr Zeit gelassen haben. In Deutschland wäre das unvorstellbar. Castingshow-Gewinner veröffentlichen hierzulande für gewöhnlich am nächsten Tag ihren ersten Longplayer, was ausnahmslos auch für dessen Qualität spricht. Die erste Single „Wings“ war heißersehnt und schlug natürlich ein wie eine Bombe, wobei der Erfolg aber wahrscheinlich nur der Gier nach etwas Neuem zuzuschreiben ist und weniger dem Hit-Potential des Songs. Außer dem Titelsong und dem spritzigen 90er-Tune „How Ya Doin‘?“ lassen sich auf dem Album jedoch auch nicht viele potentielle Hitsingles finden. Zugegeben, Schnulzballaden wie „Turn Your Face“ und „Change Your Life“ sind schön eingesungen, nerven aber irgendwann. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil sie dem heutigen Einheitsbrei zu ähnlich sind, vielleicht, weil man Besseres gewohnt ist. Am Wahrscheinlichsten aber ist, dass man wohl zu viel von Little Mix erwartet hat. Für den Anfang sollte es reichen. DNA ist sauber produziert, stimmlich haben die Mädchen eine Menge auf dem Kasten, nur der Funke möchte nicht ganz überspringen. Ein bisschen mehr Präsenz und Einzigartigkeit, und der Drops wäre gelutscht.

Traurig: Irgendwo zwischen Atomic Kitten und The Saturdays platzieren sich Little Mix leider nur mittig der Best British Girl Group-Skala. Cool: Sie sind immer noch besser als internationale Konkurrenten wie Samajona und Preluders.

Anspieltipps:

  • How Ya Doin’?
  • DNA
  • Turn Your Face

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