Steven Wilson - The Raven That Refused To Sing (And Other Stories) - Cover
Große Ansicht

Steven Wilson The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)


  • Label: KScope/EDEL
  • Laufzeit: 55 Minuten
Artikel teilen:
9.5/10 Unsere Wertung Legende
7.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.

Steven Wilson, immer wieder Steven Wilson. Die Personifizierung des modernen Progressive Rock, der Mann der vielen Bands und Musikstile, der Mann, der die jüngere Generation, besonders mit seiner Band Porcupine Tree an anspruchsvolle Musik heranführt und gleichzeitig den Begriff Prog-Rock, musikalische Schubladen, mp3s, Casting-Shows und manch anderes verteufelt. Dieser umtriebene 44-Jährige lässt all seine Bands aufs Abstellgleis fahren, um sich seiner Solokarriere zu widmen. Die Zwänge der Bands und die Einschränkungen wurden ihm zu groß. Den Ursprung all dessen bilden seine Qualitäten als Produzent, die dazu geführt haben, dass er die alten Alben von King Crimson und Jethro Tull (bald kommt noch eine dritte Größe hinzu) neu abgemischt hat und in jene Musik seiner Jugend abgetaucht ist. In diesem Quell der Inspiration hat er Neues entdeckt, sie anders aufgefasst als früher, woraus sich ein neuer Antrieb entwickelt hat, den er nun zum dritten Mal solo zu verfolgen versucht.

„The Raven That Refused To Sing“ ist eine Sammlung von Geistergeschichten im Stile von Edgar Allan Poe, darauf weist schon der Titel hin. Als Co-Produzent und Toningenieur ließ sich Alan Parsons gewinnen, der nicht nur Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“ tontechnisch überwacht hat, sondern mit „Tales Of Mystery And Imagination“ selbst einen Klassiker eingespielt hat, der eine Vertonung der Geschichten von, ihr ahnt es schon, Edgar Allan Poe darstellt. Der Kreis schließt sich. Nur als Randnotiz, die Abmischung des Albums ist wirklich sensationell und auf der Special Edition auch im 5.1-Surroundmix erhältlich.

Was unterscheidet nun den dritten Streich dieses musikalischen Ausnahmekünstlers von seinen Vorgängern. „Insurgentes“ war der Versuch, Schönes und Hässliches zu verbinden, Konsonanzen und Dissonanzen, Melodien und Rauschen. Auf „Grace For Drowning“ hingegen hat Wilson die Jazzeinflüsse aus dem Prog-Rock der 70er in seine Musik übertragen, das Album war lang, mit düsteren und komplexen Kompositionen versehen, schwer zugänglich und hatte als einziges Manko keine einheitliche Atmosphäre. Dann hat sich der Engländer eine Band mit außerordentlichen Musikkönnern zusammengestellt und siehe da, das Album hat live besser funktioniert (siehe „Get All You Deserve“). Er hat seine Lehren daraus gezogen und die neue Musik für genau diese Band geschrieben, neu ist lediglich der Gitarrist Guthrie Govan. Eingespielt wurden die Songs live im Studio in Los Angeles, je ein Song pro Tag, das beste Take wurde behalten.

Nun, „der Rabe“ ist deutlich homogener in seiner Stimmungslage, dunkel, melancholisch, so wie man es von Wilson kennt. Die Tracks sind weniger sperrig, dafür eingängiger und schneller greifbar. Die jazzigen Passagen wurden reduziert und mehr ins Gesamtbild eingepasst. An das Saxophon und die Flöten von Theo Travis sollte sich jeder schnell gewöhnen. Die Songs bersten nur so vor Ideen und Breaks, ob sanfte Übergänge oder harte Einschnitte, ruhigere Klaviermelodien und zerstörerische Riffs, all das trifft permanent aufeinander. Alles fügt sich wie ein (mindestens 3000 Teile-) Puzzle zusammen, grandios arrangiert, liebevoll mit Details versehen und unglaublich präzise von allen Beteiligten ausgeführt.

Selbst die Reihenfolge der Lieder ist bis ins Detail durchdacht. Ein fulminanter Start mit einem langen Stück („Luminol“), angetrieben vom pulsierenden Bass, rockt es durch Höhen und Tiefen. Mit einer anschließenden Ballade samt sensationellem Solo („Drive Home“) wird der Hörer wieder beruhigt, bevor ein regelrechtes Feuerwerk an Ideen gezündet wird („The Holy Drinker“). Diese Wellenform der Spannung und der Lautstärke schwingt immer mit, bis am Ende der traurige Titelsong unglaubliche Emotionen freisetzt. So simpel und so unglaublich schön ist der Song, Gänsehautfaktor hoch 10.

Jedes der sechs Stücke zu besprechen würde eindeutig den Rahmen sprengen, denn jedes hat eine eigene interessante Geschichte und die entsprechende Vertonung, die es zu entdecken gilt, ob der verstorbene Straßenmusiker, der auch nach seinem Tod als Geist weiter in seiner Straße Songs spielt, der einsame Mann, der über den Verlust seiner Schwester nicht hinweg kommt oder der Alkoholiker, der in die Hölle kommt. Steven Wilson verbindet all seine künstlerischen Fähigkeiten und all seine typischen Markenzeichen zu einem homogenen Klanggebilde. Die klare Differenzierung nach Blackfield- oder Porcupine Tree-ähnlichen Stücken verschwimmt zu einer Einheit, die sie eigentlich schon immer war, der Person Steven Wilson, die es nun geschafft hat, ein wirkliches Meisterwerk zu erschaffen, das den Prog der 70er mit der Neuzeit verschmelzen lässt. Lassen wir ihm aber noch ein halbes Pünktchen übrig, nur für den Fall, dass… - denn aus großer Kraft folgt große Verantwortung.

Anspieltipps:

  • The Holy Drinker
  • The Raven That Refused To Sing
  • Luminol

Neue Kritiken im Genre „Prog-Rock“
7/10

50th Anniversary: Live At The Apollo
  • 2018    
Diskutiere über „Steven Wilson“
comments powered by Disqus