Tegan And Sara - Heartthrob - Cover
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Tegan And Sara Heartthrob


  • Label: Sire Records/WEA
  • Laufzeit: 36 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Tegan And Sellout.

„Heartthrob“ hat es nicht gerade leicht in der bösen Welt der noch böseren Musikkritiker. Sobald sich der Silberling in einen gemütlichen CD-Player legt, ertönt aus allen Ecken lautes, verspottendes Gelächter. Das ist gemein, denn nur, weil er nicht so klingt wie seine Vorgänger, ist er noch lange nicht schlecht. Eingefleischte Tegan and Sara-Fans sollten dankbar sein, dass ich dieses Album unter meine Fittiche genommen habe. Ich, als erfahrener Streitschlichter, werde dieser Schikane ein Ende setzen. Ich, als gefürchteter Richter, aber treuer Freund, werde nicht urteilen, bevor ich mir nicht die Mühe gemacht habe, dieses Werk zu verstehen. Denn Vorwürfe und bloßes Kopfschütteln wären das Letzte, was uns hier weiterbrächte. Wir wissen alle, wie hart die Pubertät sein kann. Und die beiden Mädels brauchen jetzt jemanden, der ihnen zuhört und zur Seite steht. Auch wenn sie schon 32 sind.

Regel Nr. 1: Zwischen den Zeilen lesen. Sara behauptete vor kurzem, dass das Ziel von „Heartthrob“ sei, altbekannte Tegan and Sara-Melancholie clubtauglich zu machen. Damit wollte sie nicht unterschwellig mitteilen, dass traurige Lesben auch mal tanzen sollten. Vielmehr wollte sie sagen: „Der Indie-Scheiß hat nicht funktioniert, also müssen wir uns die Schwimmflügel überstülpen und mit dem Strom schwimmen, so kalt das Wasser auch sein mag.“ Das führt nun dazu, dass die toughe Frauenforscherin Paula dieses Album wieder getrost ins CD-Regal zurückstellt und sich von dem gesparten Geld stattdessen ein weiteres Anti-Nazi-Tattoo stechen lässt. Dafür, und das ist viel bezaubernder und herzerwärmender, hat die zwölfjährige Nancy eine neue Lieblingshintergrundmusik beim Tagebuchschreiben und Busfahren. Das Ziel wäre also fast erreicht, hätte Nancy doch nur einen Personalausweis, um in angesagten Clubs ordentlich zu dieser Musik abzappeln zu können.

Aber auch die beiden Kanadierinnen haben, wie jeder Musiker, der heutzutage mithalten möchte, einen Trumpf im Ärmel: den Hipster. So wird es wohl kaum Zufall sein, dass die neuen Songs von Tegan and Sara ein bisschen wie die alten von Cindy Lauper klingen. Besonders „Drove Me Wild“ und „How Come You Don’t Want Me“ sind so Synthesizer-überlastet, dass man beim Hören Diskokugeln kotzen möchte. Und die Texte, naja, die Texte sind - wie kann ich es nett ausdrücken? Ekelerregend kitschig, aufdringlich und plump. Alles beim Alten also. „Closer“, ein wahrer Popp-Song nach alter Olivia Newton-John-Manier, winkt so ungeniert mit dem Zaunpfahl, dass man beinahe froh ist, wenn endlich das gewohnte Geheule in „Now I’m All Messed Up“ einsetzt. Die Mädchen werden einfach viel zu schnell erwachsen und ich sehe sie ehrlich gesagt lieber weinend in ihren Betten liegen als halbnackt auf einer Hausparty rumknutschen. Nachdenken steht ihnen einfach besser, und darum handelt es sich bei „Shock To Your System“, eine Ode an die depressive und herzgebrochene Jugend, nicht nur um das Highlight des Albums, sondern tatsächlich um einen der besten Songs ihrer gesamten Diskografie. „What you are is lonely“, schreien Tegan und Sara ins Mikrofon und man nickt. Hier, ganz am Ende der Platte, kommt die Melancholie, die Sara so angepriesen hatte. Ziemlich spät. Aber immerhin.

Eine nahezu vernichtende Kritik, aber es hagelt trotzdem stolze sieben von zehn Punkten. Warum? Weil Tegan and Sara mich nun schon seit zehn Jahren begleiten, durch Zeiten voller Herzschmerz und verregneter Oktobertage. Das verbindet ungemein. Und auch wenn sich „Heartthrob“ wie die restlichen sechs Alben nur in musikalischer Mittelmäßigkeit auf höchstem Niveau suhlt, haben die beiden einen noch nie wirklich enttäuscht. Der Hauptgrund ist aber wohl, dass ich ein schwuler Hipster bin und das Album etwas in einem auslöst, worauf schwule Hipster stehen: Muss. Tanzen. Muss. Tanzen. Huch, jetzt ist mir der Jutebeutel runtergefallen.

Anspieltipps:

  • Shock To Your System
  • Now I’m All Messed Up
  • I’m Not Your Hero
  • Goodbye, Goodbye

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