Allie - Uncanny Valley - Cover
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Allie Uncanny Valley


  • Label: Clouds Hill/Rough Trade
  • Laufzeit: 45 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Deutschlands Milo mit mehr Emotion und weniger Pop-Appeal.

Und wieder singt ein deutscher Nachwuchskünstler seine Musik auf Englisch. Englisch ist die Weltsprache und ohne sich vor diesem Fakt verstecken zu wollen, sollte dann auch die Umsetzung stimmen. Wenn wir einem Muttersprachler von einem „Carseller“ (geläufig ist hier der Ausdruck Car Salesman/-person) und Fibers (eigentlich Fibres geschrieben) erzählen, dann schmunzeln diese, streicheln uns über den Kopf und wir sind plötzlich so niedlich wie Japaner, die sich an „Engurisu“ versuchen.

Auch Allie aus Nordrhein-Westfalen möchte man über den Kopf streicheln, wenn man nicht gerade zu seiner sanften Musik wiegt. Beinahe nur mit Bass und Akustikgitarre, sowie seiner Stimme ausgestattet, erzählt Allie auf „Uncanny Valley“ von Themen, die häufig für Heranwachsende und junge Erwachsene gedacht sind. „Try To Hold Her Hand One Day“ ist dafür genauso stellvertretend wie „Real Highlights“, die textlich wenig bewegen. Emotional wird es dabei auch selten, sondern viel mehr weichmütig.

Es gibt auch gar keine Chance, bei Allies Musik andere Gefühle als Ruhe und Geborgenheit zu entwickeln. Ehe man sichs versieht, ist man bei „Number 1“ angekommen und die erste Hälfte des Albums war - gefühlt - nur eine immer gleiche Melodie, die gleichmütig vor sich hin lief. Höhepunkte gibt es keine und stattdessen versucht Allie, die Hörer zu hypnotisieren, verpasst es dabei allerdings, sie emotional einzubinden. Diese Qualität macht bekanntlich Singer/Songwriter-Musik aus.

Die zweite Hälfte des Albums arbeitet vornehmlich mit mehr Instrumenten und fügt ein paar dreckige Basslines, mehr Schlagzeug und natürliche Geräusche ein, was jedoch nur selten so viel Wirkung zeigt wie in „Love Is Quinine“. Es klingt alles wunderbar erdig, doch auch weiterhin kann man sich nicht in Allies Musik verlieren, so sehr man es auch möchte. Erst der Closer und Titeltrack verbindet die Lagerfeuermusik des Nachwuchskünstlers mit Kammermusik und einer schaurigen Atmosphäre, die einem die Nackenhaare hochstehen lässt. Da sind sie endlich, die Emotionen!

Auch gerade weil nach den 40 Minuten Schmusetour niemand mit diesem Stimmungsumschwung gerechnet hätte, lässt sich „Uncanny Valley“ als Überraschung und Nachweis des vorhandenen Potenzials vorzeigen. Diese Art von Spannungsaufbau und Gefühl muss nun noch in die zu weichen, lieblichen Nummern übergehen. Man will leiden, schmachten, verdammt noch mal: fühlen! Das ist die Hausaufgabe für einen somit nur durchschnittlichen, aber viel versprechenden Neuling der deutschen Singer/Songwriter-Gilde.

Anspieltipps:

  • Uncanny Valley
  • Number 1
  • Love Is Quinine

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