Avantasia - The Mystery Of Time - Cover
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Avantasia The Mystery Of Time


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 62 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Das war's dann wohl mit dem Event-Charakter...

World's finest Metal Opera is coming home! Rückblickend sind außer den zwei Kollektoren Arjen Lucassen (Ayreon) und Tobias Sammet nicht viele ambitionierte Musiker übrig geblieben, die ihre Opera-Projekte so eisenhart durchziehen konnten. Zu wenig Erfolg, Zeit, Geld (!) lassen Daniele Liveranis oder Nikolo Kotzevs wie längst vergessene Relikte der Nullerjahre erscheinen. Der Metal-Opera-Trend war kurzlebig und ist heute allenfalls noch im italienischen Underground im sehr viel kleineren Stile vorhanden. Und doch: Selbst wenn der Boom längst vorbei ist, bleibt das gallische Dorf standhaft. Mit seinem sechsten Avantasia-Album meldet sich Edguy-Klassensprecher Tobias Sammet als einer der letzten Großen zurück und will wieder allen ein weiteres Überwerk liefern.

Es war eine Frage der Zeit: „The Mystery Of Time“ ist der vielleicht lang angekündigte Mittelweg zwischen dem einstigen Power Metal Edguys und dem Gaststar-Aufgebot von Sammets Metal-Opera-Konzept. Schon seit Jahren nähern sich beide Seiten einander an - Edguy wurde pompöser, Avantasia dagegen immer weniger zum Larger-than-life-Erlebnis und streng genommen zu dem Clone der Hauptband, nur eben mit Gastsängern. Eines haben jedoch sowohl Band als auch Projekt gemeinsam: Power-, Symphonic- oder zumindest Heavy Metal findet man in Sammets Musik nur noch am Rande. Ein extrem dominanter AOR-Einschlag macht's möglich und ein Cast bestehend aus Bob Catley, Eric Martin (Mr. Big), Ronnie Atkins (Pretty Maids), Thomas Rettke (Heaven's Gate) und den anscheinend hauptberuflichen, ewigen Gastvokalisten Michael Kiske und Amanda Somerville, soll einfach mal symptomatisch dafür stehen, mit was für einer Art Projekt man es bei Avantasia mittlerweile zu tun hat. Damals warb man mit Szenegrößen wie Andre Matos (Angra), Kai Hansen (Gamma Ray) oder David DeFeis (Virgin Steele) und machte den Namen zum Programm. Heute liest sich die geladene Riege an Sängern wie das Who is who des 80er-Melodic Rocks, mit der Fans von Power- und Heavy Metal sich allenfalls arrangieren können. Gerechterweise muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass Avantasia sein „Opera“-Prädikat auch gar nicht mehr trägt: „A Rock Epic“ heißt „The Mystery Of Time“ im Untertitel. Macht das aber einen großen Unterschied? Nein, denn das Zielpublikum ist entweder mit den zwei großartigen Anfangswerken aufgewachsen oder hat diese zumindest später für sich entdeckt. Es hat Avantasia aber eben immer als pompösen Metal-Output wahrgenommen.

Dass der gar nicht erst erwähnte Begriff Metal im Bezug auf Avantasia allenfalls noch in Infosheets, Rezensionen oder Kneipengesprächen von Fans fällt, zeigt weiterhin, wie konditioniert der Hörer ist. Deshalb ist es wohl das Einfachste, sich von jeglichen Metal-Erwartungen zu verabschieden und „The Mystery Of Time“ eben als das beworbene „A Rock Epic“ zu sehen. Generell ist es doch eh unwichtig, was der sechste Streich denn nun darstellen soll. Wichtig ist alleine die Musik.

Und hier liegt der Hund begraben! Denn der vom Avantasia-Cast zelebrierte AOR ist erschreckend bieder, nach Schema F zusammengebaut und lässt jeglichen Event-Charakter von damals vermissen. Das erstmals echt vorhandene Orchester sorgt zwar für einen organischeren Sound als je zuvor, rettet die zehn Kompositionen jedoch nur bedingt. Fast scheint es so, als seien Meister Sammet die Ideen ausgegangen. Der Ohrwurm-Faktor hält sich ironischerweise besonders dann in Grenzen, wenn seine Handschrift allzu deutlich wird und man sich wieder und wieder an alte Glanztaten des Fuldaers erinnert fühlt („Spectres“). Die direkten Ausflüge in den AOR in Songs wie „The Watchmaker's Dream“ (mit total übertrieben eingesetzter Hammond) oder „Dweller In A Dream“ sind dagegen so extrem langweilig und vorhersehbar wie die Doublebass und das harte Riffing als nur zu deutliche Metal-Alibis in „Sleepwalking“ und „Invoke The Machine“. Letztendlich wird die an und für sich stets hochklassige und mehr als gelungene Einbindung des Orchesters auch immer dann unterbunden, wenn „The Mystery Of Time“ symphonischer Classic Rock des Over-The-Hils-Gary Moores oder Meat Loaf werden will und gar nicht anders kann, als zwischen den Stühlen zu stehen. Ist das nun tatsächlich noch das stets als Symphonic Metal propagierte Material, Stadionrock mit der Extraportion Bombast oder etwas ganz anderes? Der eine oder andere Metaler hat jetzt endgültig abgeschaltet, der eventuell neu gewonnene Freund von schmissigem Bombastrock fragt sich dagegen, was dieses Avantasia denn nun so viel größer, besser, geiler als seine alten Helden machen soll?

Da können auch die zwei offensichtlich als Übernummern angelegten Longtracks „Savior In The Clockwork“ und „The Great Mystery“ nicht mehr viel rausreißen - beide sind allerdings die besten Kompositionen auf „The Mystery Of Time“, die klar für das Talent Tobias Sammets sprechen, gleichzeitig aber genauso inspirationslos daherkommen und den Hörern den Eindruck hinterlassen, man hätte sie schon hundert Mal gehört. Die bereits gelistete Auswahl an Sängern passt dagegen wie die Faust aufs sprichwörtliche Auge - klar! Es sei Tobias Sammet selbstverständlich gegönnt, mit seinen Idolen zusammen zu arbeiten, aber besonders für das Metal-Zielpublikum lesen sich Catleys und Martins, wie schon erwähnt, nicht gerade attraktiv. Aus der Klasse und dem Können der Vokalisten sollte aber kein Hehl gemacht werden, selbst wenn Michael Kiske mittlerweile sowas wie der Nicolas Cage des Power Metals geworden sein dürfte, der sein Programm einfach mal durchzieht. Eigentlich passend, denn „The Mystery Of Time“ ist ähnlich routiniert. Aber genau das darf ein groß angelegtes All-Star-Projekt wie Avantasia einfach nicht sein! Mit fünf Alben in der Diskographie, die allesamt von großartig und für das, was sie sein wollen, stilprägend bis zu „nur“ sehr gut reichen, ist eine Veröffentlichung, die so kalt lässt wie diese, gleich doppelt enttäuschend. Und dabei ist es egal, ob es sich nun um den damaligen Power Metal oder den immer deutlicher werdenden Trend von Sammets Songwriting in Richtung AOR handelt!

Anspieltipps:

  • Spectres
  • Savior In The Clockwork
  • The Great Mystery

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