Boz Scaggs - Memphis - Cover
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Boz Scaggs Memphis


  • Label: Neo/Sony Music
  • Laufzeit: 48 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Hi Records-Sound, Steely Dans Westcoast-Jazz-Pop und John Hiatts Memphis-Blues verschmelzen zu einem strahlenden Gesamtbild.

Bereits zu Schulzeiten begegneten sich Steve Miller und Boz Scaggs, der dann später bei den ersten beiden Alben der Steve Miller Band auch mitwirkte. 1968 startete Scaggs schließlich seine bis heute andauernde Solokarriere und sein Werk „Boz Scaggs“ wird von Kennern der Blue-Eyed-Soul- und R&B-Szene immer wieder mit leuchtenden Augen lobend erwähnt. Der Amerikaner spielte 1969 in Muscle Shoals diesen verborgenen Klassiker für das legendäre Label Atlantic Records ein. Zur Seite standen ihm damals die Muscle Shoals Rhythm Band (Barry Beckett, Roger Hawkins, David Hood, Jimmy Johnson) und weitere hochkarätige Musiker, darunter der Ausnahmegitarrist Duane Allman, der vor allem das beinahe 13-minütige „Loan Me A Dime“ mit seinen unvergleichlichen Slides, Licks und Soli veredelte. Boz Scaggs´ weitere Solokarriere ließ ihn 1976 mit „Silk Degree“ bis auf Platz zwei der Albumcharts hochklettern. Auch einige seiner Singles waren in den Charts vertreten. Selbst in den 80ern, 90ern und 00ern wurde er des Veröffentlichens nicht müde und legt nun in den 10ern mit „Memphis“ ein überraschendes Werk vor.

Der in Ohio geborene Singer/Songwriter und Interpret begab sich hierfür in die Royal Recording Studios in Memphis, in denen Willie Mitchell in den 70ern unzählige Platten, darunter die herausragenden Alben mit Al Green und Ann Peebles, aufnahm. Die Spirits dieser drei scheinen in diesem Studio agierende Musiker zu beseelen, denn wer die ersten beiden Titel „Gone Baby Gone“ und „So Good To Be Here“ (von eben diesem Al Green geschrieben) vernimmt, der fühlt sich sofort in diesem seligen Sound heimisch, wenn die Hi-Hat zischt wie eine Klapperschlange, die Streicher himmlische Melodiebögen spannen und die Orgel von Charles Hodges dem Hörer ein wärmendes physisches und psychisches Klangbad beschert. Charles Hodges war Teil jener Hi Rhythm Section, die unter den Fittichen von Willie Mitchell ihren unverwechselbaren Sound erschuf, der bis heute und vollkommen zu Recht seine Verehrer und Bewunderer hat. Ein anderer Tastenspieler namens Spooner Oldham hat gleichermaßen dazu beigetragen, dass auf „Memphis“ Kunst und Perfektion natürlich und organisch die Balance halten.

Dass nun ausgerechnet Boz Scaggs jenen Hi Records-Sound wiederbelebt ist erstaunlich, er beschränkt sich jedoch nicht ausschließlich darauf. Vielmehr hat er neben zwei Eigenkompositionen z.B. Moon Martins „Cadillac Walk“ gecovert, ein Song, der vor allem Mink DeVille (Willy DeVille) Erfolg bescherte und dessen „Mixed Up Shook Up Girl“ wiederum gibt Scaggs ebenfalls zum Besten. Dabei tränkt er diese Songs in einen Memphis-Blues-Rock’n’Roll à la John Hiatt, desgleichen schnauben „Dry Spell“ und „You Got Me Cryin‘“ als Mystery Train nach Memphis. Außerdem gelingt es ihm bei „Love On A Two Way Street“ und „Pearl Of The Quarter“ den Westcoast-Pop-Jazz-Sound von Steely Dan ins Klangbild mit einzubeziehen. Wie sehr jener Donald Fagen/Walter Becker-Swing mit dem Hi Records-Sound verwandt ist, wird bei „Can I Change My Mind“ deutlich.

Ein weiterer Höhepunkt ist Tony Joe Whites „Rainy Night In Georgia“ mit einem pechschwarzen Bass (Willie Weeks), der dunkle Gewitterwolken aufziehen lässt, während das Schlagzeug (Steve Jordan) besengestrichen die von Akustikgitarre und Jazz-Piano (Spooner Oldham) gezeichneten Regentropfen auf der Erde empfängt. Die zirpenden und zitternden Streicher (auch hier die Royal Strings) wiegen wie kahles Geäst in einem langsam aufziehenden Sturm, der jedoch in der Ferne weilt, denn Boz Scaggs knödelt und croont dermaßen Laid Back als hätten Charlie Rich und John Hiatt Spuren auf seinen Stimmbändern hinterlassen. Dieser Gesangsstil wird auch auf dem finalen balladesken, angejazzten „Sunny Gone“ dermaßen gekonnt eingesetzt, dass er als letztes Puzzleteilchen das Gesamtbild erstrahlen lässt. Wer ein Haar in der Suppe sucht, der kann das Covermotiv, auf dem Scaggs die Gitarre demonstrativ in die Höhe hält, als plakativ oder deplatziert empfinden. Nichtsdestotrotz: Wer hätte von Boz Scaggs noch ein derart gelungenes und beeindruckendes Album erwartet?

Anspieltipps:

  • Gone Baby Gone
  • So Good To Be Here
  • Rainy Night In Georgia
  • Cadillac Walk
  • Can I Change My Mind
  • Sunny Gone

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