Amorphis - Circle - Cover
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Amorphis Circle


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 54 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Über kurz oder lang sollten sich selbst Amorphis nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen.

Davon zu sprechen, dass sich Amorphis als eine feste Größe in der Metal-Welt etabliert haben, wäre eine Untertreibung. Immerhin treiben die Herren aus Finnlands Hauptstadt bereits seit drei Dekaden ihr Unwesen. Vom Grundpfeiler des Melo Death bis hin zu einer Band, die es wie nur wenige andere verstanden hat, ihren ganz eigenen, unverkennbaren Sound zu kreieren - Amorphis haben viele Stadien durchgemacht und Millionen von Fans gewonnen. Eine der wichtigsten Phasen ihrer Entwicklung begann schließlich 2003 mit dem Longplayer „Far From The Sun“. Fortan werkelte man an der Vereinigung von Death-, Dark-, Viking-, Folk-, Prog- und traditionellem Metal (harter Tobak für Schubladendenker) immer weiter. Die Innovationen und Ideen gipfelten schließlich in dem hochgelobten Alben-Drilling „Silent Waters“ (2007), „Skyforger“ (2009) und „The Beginning Of Times“ (2011) - viele Fans, auch alteingesessene Anhänger der Amorphis'schen Frühphase, waren sich einig, dass Tomi Joutsen (Gesang), Niclas Etelävuori (Bass), Santeri Kallio (Keyboard), Jan Rechberger (Schlagzeug und Keyboard) sowie Esa Holopainen und Tomi Koivusaari (beide Gitarre) den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht haben. Doch wie so oft im Leben kann es, sobald ein Zenit erreicht wurde, eigentlich nur wieder bergab gehen.

Willkommen im Zirkel! „Circle“ ist das elfte Studioalben der Stil-Jongleure und folgt nach dem bisher thematisierten Kalevala-Konzept schließlich erstmals wieder einem originalen Thema. Und „Circle“ ist letztendlich die Ankunft in der Routine. Amorphis stagnieren - sie tun dies zwar bei einer extrem hohen Qualität in Sachen Songwriting und Talent, aber sie stagnieren. Die neun Kompositionen hätten in ihrer Form ebenso auf einem der Vorgängeralben stehen können. Letztendlich hatte aber jedes von ihnen einen ganz eigenen Charakter. „Circle“ ist einfach nur mehr vom Bewährten, ein kleiner, schmackhafter Snack für Fans, der aber nicht satt machen kann. All das, was im 2011er Output gipfelte, wird letztendlich nochmal wiederholt.

Bereits „Shades Of Grey“ will ein weiteres Mal der große, opulente Opener sein, kommt aber nicht an die Mini-Epen „Sampo“ („Skyforger“) oder „Battle For Light“ („The Beginning Of Times“) heran. Ein klimatischer Aufbau, der schließlich „Shades Of Grey“ zu einem waschechten Euphorie-Fetzen macht, hilft genau so wenig, dass das Schema F nicht so richtig funktionieren will, wie Tomi Joutsens abermals großartige Growls. Diese halten mit dem cleanen Gesang übrigens die Waage. Fans, die allen Ernstes wieder behaupten, dass sich Amorphis zurück zu ihren Wurzeln bewegen, belügen sich beim Hören von „Circle“ selbst. „The Beginning Of Times“ kam dem alten Sound stellenweise sehr viel näher als sein Nachfolger. Stattdessen regieren Hymnen mit einem wieder mal extremen Ohrwurm-Faktor das Album. „Mission“, „The Wanderer“, „Narrowpath“ und „Into The Abyss“ machen Spaß und haben definitiv allesamt ihre Momente - doch auch bei ihnen hat man mittlerweile das Gefühl, alles schon einmal (und eventuell auch besser) gehört zu haben. „Nightbird's Song“ und „Enchanted By The Moon“ folgen dem Muster, leben aber von ihren Death-Elementen und Growls, die besonders im zweitgenannten beinahe perfekt mit dem bombastischen, melancholischen Metal harmonieren. Eines muss man Amorphis letztendlich lassen: Sie wissen was sie wollen und vor allem, wohin sie wollen.

Eine echte Überraschung ist allerdings die erste Single „Hopeless Days“, die bereits Wochen vor dem Release bekannt gegeben wurde. Mit gesunder Härte, treibenden Riffs und einer großartigen Punchline entwickelt sich der Song mehr und mehr zu einem echten Grower. Ebenfalls interessant ist das Schlusslicht „A New Day“, welches im Vergleich zu denen auf seinen Vorgängeralben zwar auch den Kürzeren zieht, aber dennoch als großartige Viking-Metal-Hymne vollends begeistert. Zwischen den Flöten versteckt sich am Ende sogar ganz zaghaft ein Sopran-Saxophon - hier setzen Amorphis eine für ihr Genre noch völlig unverbrauchte und kreative Duftmarke. Warum nicht mehr davon? Seit jeher waren es die vorsichtigen doch sinnvollen Grenzüberschreitungen, die dafür zuständig waren, dass die Finnen das Prädikat „progressiv“ tatsächlich verdienten.

„Circle“ ist dagegen keinesfalls progressiv, zumindest nicht in Anbetracht der musikalischen Entwicklung der Band. Schlecht ist das Album aber ebenfalls nicht. Es fehlt einfach das große Aha-Erlebnis, das Bewusstsein, dass man gerade einer der wichtigsten und besten Metal Bands Finnlands lauscht sowie die Tatsache, dass neue Alben von Amorphis grundsätzlich Ereignisse waren. Menschen, die noch nie etwas von der Band gehört haben und sich zum Kauf von „Circle“ entscheiden, werden allerdings unter Garantie begeistert sein und die Musik so erleben, wie es schon Anhänger vor ihnen mit den Vorgängeralben gemacht haben. Amorphis, das ist anno 2013 eine Metal Band in absoluter Hochform, die so viel richtig und gleichzeitig so viel falsch macht. Doch Meckern auf hohem Niveau bleibt letztendlich trotzdem Meckern. Dieses Album dürfte die Fans spalten wie kein anderes - hohe Qualität hin oder her!

Anspieltipps:

  • Mission
  • Narrow Path
  • Hopeless Days
  • Enchanted By The Moon
  • A New Day

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