Heaven Shall Burn - Veto - Cover
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Heaven Shall Burn Veto


  • Label: Century Media/EMI
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Bolt Thrower, Blind Guardian und brennende Kirchen – Heaven Shall Burn setzen alles auf eine Karte und ernten den Jackpot.

Es ist schon mehr als fünf Jahre her, da verpassten die Thüringer Marcus Bischoff (Gesang), Maik Weichert (Gitarre), Alexander Dietz (Gitarre), Eric Bischoff (Bass) und Matthias Voigt (Schlagzeug) dem Hörer mit dem Eröffnungspaar „Awaken“ und „Endzeit“ des Albums „Iconoclast (Part 1: The Final Resistance) “ (01/2008) eine derartige Gänsehaut, dass die Ernüchterung über die restlichen, relativ geradlinig nach vorne preschenden Kompositionen schwerer wog, als es das vermutlich ohne diese beiden Gustostückerl getan hätte. Nach zwischenzeitlichem Dienst nach Vorschrift („Invictus“ aus Mai 2010) dürften Heaven Shall Burn nun anscheinend zu der Erkenntnis gekommen sein, dass stures Geprügel auf Dauer wirklich niemanden glücklich macht, und legen mit ihrem achten Werk ein politisches, optisches, wie auch musikalisches „Veto“ ein.

Thematisch hat sich bei der neuen Langrille zwar am wenigsten getan und Bischoff kotzt sich noch immer am liebsten über Gott und die Welt aus, während mit Gott vorrangig die Kirche mit ihrer „Weltfremdheit und Menschenverachtung“ gemeint ist und mit der Welt vergessene Freiheitskämpfer und Revolutionäre, aber auch arrogante Politiker, die z.B. bei „Waffengeschäften in aller Welt“ lieber wegsehen, als zu handeln oder sich erst für eine gute Sache einsetzen, wenn sie „ihre Macht eingebüßt haben“. Visuell wird „Veto“ dieses Mal jedoch nicht erneut von zweifarbiger Tristesse begleitet, sondern vom Gemälde „Lady Godiva“ des englischen Malers John Collier, der die Legende der angelsächsischen Adeligen, die im 11. Jahrhundert nackt auf einem Pferd durch die Stadt Coventry geritten ist, um ihren Mann dazu zu überreden, die Steuern zu senken, auf Leinwand gebannt hat. Für das deutsche Metalgespann ist die mutige Dame „ein Symbol für den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten und für mehr soziale Gerechtigkeit“ und somit wie geschaffen, das Cover zu zieren.

Kommen wir aber zu den diesjährigen Gänsehautmomenten, von denen es auf „Veto“ einige zu erleben gibt. Zuallererst hat es Produzent Tue Madsen (Dark Tranquillity, The Haunted, Cataract) geschafft, dem rohen und brutalen Klangbild dieses Mal eine natürliche und differenzierte Note zu verpassen, wodurch es nun nicht mehr ausschließlich nach sonischer Abrissbirne klingt. Danke dafür! In weiterer Folge wäre eine gelungene Abmischung aber keinen Cent wert, wenn das verwendete Material zum Vergessen ist, doch gerade auf dieser Ebene haben Heaven Shall Burn ihre Hausaufgaben gemacht. Der Opener „Godiva“ perlt z.B. als anbetungswürdiger Melodic Death-Track aus den Boxen, das nachfolgende Donnergrollen „Land of the upright ones“ schlägt erwartungsgemäß in die „Auf die Fresse“-Abteilung, bewahrt sich aber selbst vor unreflektiertem Geknüppel, indem es mit verschiedenen Tempowechseln spielt, und das in Deutsch gehaltene „Die Stürme rufen dich“ wird zwar nicht die Diskussion beenden, ob harte Metalkost besser in Englisch gesungen werden sollte, denn dafür ist der Track zu unspektakulär geraten, doch einen groben Schnitzer erlauben sich die Thüringer damit keineswegs.

Das übernimmt dafür das Stück „Hunters will be hunted“, welches in sechs Minuten eine epische Geschichte ausrollen darf, ihren großzügig veranschlagten Platz aber nicht zu nutzen weiß und lediglich eine sehnsüchtige Melodie unter Schutt und Asche vergräbt. Zum Glück schnalzt im Anschluss das unbarmherzige Doublebassinferno „You will be godless“ um die Ecke, während „Fallen“ und „Antagonized“ typische Heaven Shall Burn-Nummern darstellen, in denen sich Melodie und Härte die Klinke in die Hand geben. Schleppender geht es im von Bolt Thrower beeinflussten „Like gods among mortals“ zur Sache, bis in „53 Nations“ der Groove regiert und „Beyond redemption“ die Scheibe vorrangig ruhig ausklingen lässt. Definitiv „ein runder Abschluss für die Platte“, wie die Jungs selber zu berichten wissen.

Das Sahnehäubchen ist aber ohne Frage das göttliche Cover von Blind Guardians „Valhalla“ (im Original auf dem 1989er Werk „Follow The Blind“ zu finden), für das Hansi Kürsch in Zusammenarbeit mit Bischoff & Co. sogar einige neue Zeilen eingesungen hat, denn spätestens wenn der mehrstimmige Refrain das Wohnzimmer erfüllt und kurz darauf ein Old School Heavy Metal-Gitarrensolo abhebt, fällt nicht nur die Kinnlade vor Respekt auf den Boden, sondern auch jedes Haar am Körper praktiziert stehende Ovationen. Einen solch positiv aufgeladenen und dennoch vollkommen in das kompromisslose Konzept der Band passenden Moment hat es in der bisherigen Diskographie des Fünfers jedenfalls noch nie gegeben. Das soll jetzt nicht heißen, dass „Veto 2“ notgedrungen etwas Ähnliches versuchen muss, aber es wäre schön, wenn sich der Nachfolger zumindest eine kleine Scheibe des hervorragenden, mit solch kleinen Aha-Momenten gespickten Spannungsbogens abschneidet.

Anspieltipps:

  • Godiva
  • Valhalla
  • 53 Nations
  • You Will Be Godless

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