H.I.M. - Tears On Tape - Cover
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H.I.M. Tears On Tape


  • Label: We Love Music/UNIVERSAL
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

H.I.M. sind zurück, und zwar mit einer ausgewogenen Platte, die nicht sonderlich enttäuscht, aber auch keine euphorischen Liebesbekundungen hervorruft.

Die Jungs von H.I.M. stehen auf Abwechslung. Das mag für den einen oder anderen im ersten Moment verwunderlich klingen, aber es ist so. Hört man sich die bisherigen sieben Longplayer der Finnen nacheinander an, dann fällt auf, dass seit „Deep Shadows And Brilliant Highlights” (2001) immer ein etwas härteres auf ein etwas weicheres Album folgte. Dieser Regel entsprechend müsste nach dem durch einfallslose Keyboard-Sounds in Mitleidenschaft gezogenen „Screamworks: Love In Theory And Practice“ eine fast schmachtfetzenfreie, erdige Rockplatte kommen, die dem Wort Metal in der Bezeichnung Love Metal wieder einen tieferen Sinn gibt.

Dazu gibt es nur eines zu sagen: Pustekuchen. Die erste Single „Tears On Tape“ vom gleichnamigen neuen Album ist eine Pop-Ballade vor dem Herrn. Und keine von der schönen Sorte, sondern eine, die nicht hätte sein müssen. Da hilft es auch nicht, dass die Nummer wahnsinnig eingängig ist. Die Gedanken der H.I.M.-Gemeinde waren zur Veröffentlichung des dazugehörigen Videos praktisch greifbar: Was, wenn alle neuen Songs so sind? An dieser Stelle ein paar beruhigende Worte: Nein, nicht die gesamte Scheibe klingt wie ihr Aushängeschild, aber die fast schon karikatureske Single bleibt leider keine Ausnahme. Auch „Drawn & Quartered“ ist grenzwertig, wenn es um das Ansehen von H.I.M. als ernst zu nehmende Rockband geht. Zu poppig ist die Instrumentierung, zu übertrieben schmalzig säuselt sich Ville Valo durch diese irritierende Nummer. Der Grund für Kreationen dieser Art ist klar: H.I.M. benötigen auf jedem ihrer Alben mindestens drei oder mehr potentielle Hitsingles - aber kann man das nicht mit mehr Haltung durchziehen? So wie bei „Love Without Tears“ und „Hearts At War“ zum Beispiel. Zwar sind auch diese beiden Titel keine Meisterwerke der gefühlsbetonten Rockmusik, aber im Vergleich zum Titelstück gehen sie locker als eine wohltuende Alternative durch.

Es ist eben alle Jahre wieder der gleiche Konflikt, der mit einer Veröffentlichung von H.I.M. einhergeht: Auf ihren Konzerten sind die fünf Finnen laut, aufopferungsvoll und näher an einer tatsächlichen Metalband dran, als man es ihnen zutrauen mag. Anders dagegen auf den Studioalben: Damit die sich verkaufen, müssen radiotaugliche Melodien her, konventionelle Strukturen, herzerweichende Momente. Dass genau diese Nummern bei den Live-Shows bereits kurze Zeit später keine Rolle mehr spielen, scheint einkalkuliert zu sein. Für alle Freunde des härteren H.I.M.-Sounds sind zumindest vier Songs auf „Tears On Tape“ vertreten, die das vorgegebene Muster aufbrechen. Einer von ihnen ist „W.L.S.T.D.“, der in Instrumentalstücke eingebettete Abschlusstrack der Platte: Nach einem verzichtbaren Keyboard-Intro packt Mikko „Linde“ Lindström die Keule aus und schiebt ein Gitarrenriff nach vorne, das Hand in Hand mit dem herrlich düsteren Gesang von Ville Valo geht. Na also, geht doch! Weitere Highlights für die Rockfraktion sind der Opener „All Lips Go Blue“, das ständig wachsende „I Will Be The End Of You“ und das schnelle „No Love“ - alle drei zwar nicht vergleichbar mit dem, was einst auf „Greatest Lovesongs Vol. 666“ und „Venus Doom“ zu hören war, aber immerhin ein guter Ansatz.

Zusammenfassend ist „Tears On Tape“ damit keinesfalls das stärkste H.I.M.-Album, aber auch kein Reinfall, an dem es nichts zu mögen gibt. Die insgesamt neun frischen Songs (alle weiteren sind Zwischenspiele) decken praktisch alles ab, was Ville Valo und Kollegen auszeichnet. Damit legen H.I.M. erstmals seit 12 Jahren keine Kehrtwende hin, sondern bemühen sich um eine ausgewogene Platte, die neben einigen Schmachtfetzen auch richtig gute Rocksongs enthält. Hoffen wir, dass Letztere auch auf dem nächsten Studioalbum noch zu finden sind.

Anspieltipps:

  • W.L.S.T.D.
  • I Will Be The End Of You
  • All Lips Go Blue
  • Hearts At War

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