The Knife - Shaking The Habitual - Cover
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The Knife Shaking The Habitual


  • Label: Cooperative/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 98 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Sieben Jahre nach dem Meisterwerk „Silent Shout“ legen The Knife ihr nächstes vor.

Das politisierteste Duo im elektronischen Pop ist wieder da. Die Geschwister Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer ließen sich sieben Jahre Zeit, um ihren elektronischen Meilenstein „Silent Shout“ etwas folgen zu lassen. Und dieses Etwas ist drei LPs oder eine Doppel-CD schwer geworden mit 98 Minuten Spielzeit.

Sicher, Karin's Fever Ray-Projekt und Olof's Dark-Ambient Oni Ayhun-Alter Ego mögen kleine Dosen dopaminartigen Stoffs an die zahlreichen großstädtischen Jünger des Stockholmer Duos abgegeben haben, aber ein echter The Knife-Ersatz war keines der beiden Sideprojects, wie unter anderem die Tatsache beweist, dass die Termine der kommenden nicht gerade kleinen Hallen-Tour zum neuen Album binnen weniger Minuten restlos ausverkauft waren; als wären sie Depeche Mode, U2 oder The Rolling Stones nach Jahren der Abstinenz.

Stattdessen haben wir es mit Gender-Studies Studierenden zu tun, die ihrer Hörerschaft Begrifflichkeiten wie Intersektionalität nahebringen, „let's talk about gender“-Appelle („Full Of Fire“) in ihre Songs streuen, sich schon immer und nach wie vor jeglicher Ikonisierung und medialer Glorifizierung verweigern (früher die Masken, jetzt die femininen Perücken), und die via Promotion moralphilosophische Konsumanstöße geben, den ganzen Kulturbetrieb mal ein wenig ernsthafter zu hinterfragen. So etwas Belangloses wie Unterhaltungsmusik zu machen, Spaß zu haben und damit auch noch Geld zu verdienen, sich also selbst zu verwirklichen, in unseren nach wie vor hierarchischen und ungerechten Gesellschaftsstrukturen der Welt, die nicht nur wirtschaftlich seit einiger Zeit schon an ihre Wirkungsgrenzen zu kommen scheinen, damit haben die allermeisten offenbar kein Problem, nur ganz wenige aber schon. Und zu denen gehören die Geschwister Dreijer.

Ohne all diesen Input erscheint die Musik von The Knife, eine idiosynkratische Mischung aus Dark Minimal Techno trifft Popsong, einfach nur strange, durchgeknallt und schwer verdaulich. Stempel „verrückte Künstler“. Eingehender betrachtet preschen The Knife mutig voran, die Konsumgewohnheit unseres Kulturgenusses zu hinterfragen und zu ändern; die Marke Bio hat es beim Thema Ernährung immerhin schon halbwegs geschafft. „Shaking The Habitual” im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Ambient- und Drone-Anleihen, die einen guten Teil der Längen des Albums ausmachen, mag man im Auto oder im tragbaren Player wegskippen, ästhetisch sind sie jedoch Teil eines geschlossenen Systems, eines Versuchs, eben Gewohnheiten zu ändern und dadurch eine neue Relevanz in den Pop zu tragen. Nahtlos an den Stil von „Silent Shout“ anknüpfend, poltert der Opener mit seinen The Knife-typischen minimal bounce beats in karibischen Rhythmus-Gefilden, ehe das Ambiente auf dem Neunminüter „Full Of Fire“ maschinenartiger und unerbittlicher wird. Die Eingespieltheit der elektronischen Instrumentierung und Karin Dreijer's Stimme offenbart sich beeindruckend in „Without You My Life Would Be Boring“, während der stark perkussive Schüttler „Raging Lung“ manisch ehrfürchtig macht. Minimal-Versatzstücke dominieren das beängstigend schöne oder schön ängstigende „Networking“, und der einzige Gast des Albums, Light Asylum's Shannon Funchess, erfrischt spät auf dem treibenden „Stay Out Here“.

Sieben Jahre nach dem Meisterwerk „Silent Shout“ legen The Knife ihr nächstes vor. Auch wenn der Genuss dieser Art Musik ungewohnt ist und bisweilen befremdlich wirken kann, auch wenn man nicht immer „Lust hat“, auf diese Schwere und der physische oder digitale Griff zu den The Knife, hallo Konsumgewohnheit, häufiger etwas „leichterem“ nachgezogen wird: this is the real deal.

Anspieltipps:

  • A Tooth For An Eye
  • Full Of Fire
  • Networking
  • Raging Lung
  • Stay Out Here

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