Kingdom Come - Outlier - Cover
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Kingdom Come Outlier


  • Label: Steamhammer/SPV
  • Laufzeit: 41 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Lenny Wolfs kreativer Befreiungsschlag.

Es ist ausschließlich Lenny Wolf geschuldet, dass es die US-amerikanische und deutsche Freundschaft Kingdom Come überhaupt noch gibt. Im Gegensatz zu ähnlichen Stadionrock-Dinos, hat sich Kingdom Come seit jeher nur schwer über Wasser halten können. Seit der Gründung im Jahre 1987 kamen und gingen die Mitglieder Kingdom Comes - an dieser Stelle die einzelnen Schlagzeuger und besonders die Gitarristen aufzuzählen, würde den Rahmen jeder normalen Rezension sprengen und zudem extrem ermüden. Alles, was man wissen muss, ist, dass Wolf ein wahres Stehaufmännchen blieb. So sehr, dass auch sein 13. Studioalbum wieder einmal beinahe im Alleingang produziert, engineert, gemischt und gemastert wurde. Abgesehen von einigen Sologitarren Eric Försters, ist „Outlier“ somit ein weiteres Mal weniger das Produkt einer Band, sondern vielmehr das eines Solokünstlers. Einige Anhänger haben sich damit wahrscheinlich eh schon arrangiert. Und auch wenn die Wehmut und Sehnsucht nach echter Gemeinschaftsarbeit bei dem einen oder anderen Fan überwiegen wird, hat „Outlier“ in seiner bestehenden Form auch viele Vorteile.

Niemand wird oder würde Lenny Wolf reinreden wollen, wie er seine Musik abzuliefern hat. Und genau das ist das K.O.-Argument! Denn Wolf nutzt seine Möglichkeiten und haucht dem guten, alten Hardrock eine nicht zu unterschätzende Kreativität ein. Gleichzeitig traditionell, oftmals aber ziemlich modern und beinahe schon erschreckend innovativ, entstaubt der Musiker das Genre und verabschiedet sich von gängigen Regeln und tausend Mal gehörten Melodien und Riffs. Andere Interpreten brauchen dafür Soloausflüge: Kip Winger zum Beispiel musste sich erst von seiner Hauptband Winger emanzipieren, um sein sphärisches „From The Moon To The Sun“ (2008) zu veröffentlichen. Wolf hat es leichter und webt seine Ideen einfach in den Sound seiner Band ein.

Natürlich gibt es auch die Songs, die schon in den 80er-Jahren eine gute Figur gemacht hätten: „The Trap Is Alive“, das rotzige „Running High Distortion“, sowie der astreine, beinahe als AOR-Hymne präsentierte Opener „God Does Not Sing Our Song“ haben zwar auch einen recht modernen Anstrich und sind in Sachen Härtegrad nicht zu unterschätzen, bleiben aber nicht das, was man hier (mit Vorsicht und Abstand) als traditionell verstehen kann. Ähnlich verhält es sich mit dem stampfenden Rocker „Such A Shame“ und der großen Stadionhymne „Don't Want You To Wait“. Gewisse Muster und Botschaften über die Ursprünge von Kingdom Come, finden sich überall. Kompositionen wie das elektronisch gewürzte „Rough Ride Rallye“ oder die sphärisch anmutenden Rocker „Let The Silence Talk“ und „When Colors Break The Grey“ sprechen dagegen eine komplett andere Sprache. Gerade, dass Wolf hier das Beste beider Welten miteinander verbinden mag, macht den großen Reiz aus.

Noch ein paar eher negative Worte - nämlich zum Cover-Artwork: Natürlich bleibt jeder Band bzw. jedem Künstler die notwendige künstlerische Freiheit unbenommen, was das Optische anbetrifft. Das ist auch ganz gut so, denn nicht immer ist der Griff zum Klischee auch der richtige. Bei „Outlier“ scheiden sich aber die Geister. Was will Lenny, oder besser gesagt der Illustrator Jens Reinhold, uns mit dem eher schlichten Artwork sagen? Zum einen wirkt es in seiner zurückhaltenden und reduzierten Art unpassend „arty“, zum anderen neben denen anderer Scheiben Kingdom Comes einfach wie ein Fremdkörper. Ähnliche Werke aus dem AOR-Underground springen da einem unweigerlich in den Kopf - und das ist nicht unbedingt positiv zu sehen, da wahrscheinlich genau das Gegenteil erreicht werden wollte. Auch wenn „Outlier“ anscheinend auch in den Augen/Ohren Wolfs ganz neue Wege geht, heißt das noch nicht, dass ein entsprechendes Cover auch wirklich den Vibe der Musik einzufangen weiß. Sollte dies nämlich so sein, wirkt das arg konstruiert und plakativ. Letztendlich zählt dann doch nur (und glücklicherweise) die Musik Lenny Wolfs an sich. Auch bei „Outlier“ muss natürlich - wie fast immer - der Begriff „Led Zeppelin“ fallen.

So einfach ist es dann am Ende doch nicht. Kingdom Come Numero 13 ist trotz der abermalig zu spürenden Attitüde der Weltstars eines der Alben, welches sich am meisten versucht, von eben jener zu lösen. Und dass es ein Album ist, welches mit vielen Erwartungen spielt, den Hörer aufs Glatteis führt und letzten Endes so manche Erwartungen und Regeln über den Haufen wirft, ist die große Stärke, die dieses Werk sicherlich zu einem der interessantesten und besten der Diskographie macht. Auch wenn natürlich nicht jeder Fan Wolfs Experimente dankend annehmen wird, bleibt „Outlier“ doch nach den vier Jahren ohne komplett neues Material ein Album, für das sich das Warten gelohnt hat.

Anspieltipps:

  • God Does Not Sing Our Song
  • Running High Distortion
  • Don't Want You To Wait
  • When Colors Break The Grey

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