Lumerians - The High Frontier - Cover
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Lumerians The High Frontier


  • Label: Partisan/Rough Trade
  • Laufzeit: 33 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Schlichtweg ein atmosphärischer, kreativer sowie abgründiger Geniestreich, welcher mit einer knappen halben Stunde schmerzhaft kurz ausgefallen ist.

Die aus Oakland stammenden Lumerians huschen seit 2006 durch die Szene und wagen erstmals den offiziellen Schritt über den großen Teich in unsere Breitengrade. Tyler Green, Jason Miller, Chris Musgrave und Marc Melzer sind allesamt Multi-Instrumentalisten und Visionäre, die von Genregrenzen nur unnötig eingeengt werden und diese deshalb um jeden Preis überwinden wollen. Auch wenn sie damit wohl kaum die einzigen sind und dies streng genommen auch die Essenz von progressiver bzw. experimenteller Musik ist, haben die Lumerians doch eine geballte Ladung an Argumenten, warum man sie keinesfalls als Special-Interest abstempeln sollte. Ihr „The High Frontier“ ist nach einer EP, diversen Eigenveröffentlichungen und dem 2011 erschienenen Debüt „Transmalinnia“ die längst überfällige Veröffentlichung in Europa. Das in einer Kirche aufgenommene Album bietet einen gleichermaßen faszinierenden als auch kurzweiligen Klangkosmos, der vielleicht sogar das Zeug hat, über sein Zielpublikum hinaus einen Hörerkreis erschließen zu können.

„The High Frontier“ ist ein krudes Sammelsurium aus Klängen, Stimmungen - mal beruhigend und mit beinahe süßlicher Leichtigkeit versehen, dann wiederum schwer wie Blei und so düster und abgründig, dass jede Doom Metal-Kombo sich ein Bein dafür ausreißen würde. Die Tool'sche Kunst des Hypnotisierens trifft auf wabernden Space Rock und kauzigen Krautrock, dessen leichte elektronische Elemente nicht selten in einer hektischen Eruption aus Loops und Samples bis hin zum Noise münden. Hier treffen die ätherischen Elektronika eines László Hortobágyi auf gepflegte Dunkelheit und die umschlingende Depression der frühen Chroma Key. Auch wenn verschiedene Helden der progressiven Musik ihren Kopf für die Inspirationen der vier US-Amerikaner herhalten müssen, ist „The High Frontier“ höchst eigenständig und denkt für Kombos wie Can, Magma oder die schwedischen Retro-Alternativos von Anekdoten weiter. Das Konzept des Krautrocks wird über Space Rock und Psychedelika direkt auf die nächste Stufe bzw. ins neue Jahrtausend geführt, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Die bis auf Ausnahmen instrumental gehaltenen sechs Kompositionen atmen so den Geist vergangener Tage und klingen dennoch nicht altbacken oder müssen zwanghaft die Retro-Welle reiten. So passiert es, dass die Lumerians souverän ihre eigene Nische gefunden haben. Songs wie „Dagon Genesis“, „The Bloom“, „Smokies Tangle“ oder „Life Without Skin“ sind surrende Düsterschwaden; musikalische LSD-Trips, die mit Ideen, Themen und pointierten Experimenten vollgepackt und streng klimatisch aufgebaut sind. Durchkomponierte Linien werden hier von der Band erweitert und ausgeschmückt.

Nicht nur wird so eine ganz eigene Art des Bombasts kreiert, auch bleiben die Kompositionen trotz all der gebotenen Komplexität nachvollziehbar und eingängig; eine Meisterleistung! Etwas gesitteter und weniger abgefahren ist dann die ganz direkte Verarbeitung von Krautrock im Titeltrack und „Koman Tong“. Die Eigenwilligkeit des Genres bekommt eine beinahe schon catchige Ummantelung, welche besonders den Hörern gefallen sollte, die entweder nichts mit Krautrock anfangen können oder noch gar keine Berührungen mit diesem hatten. Nach einer knappen halben Stunde ist der Spuk dann leider auch schon vorbei. Während andere Bands aus dem Prog-Sektor ihre Tonträger bis zum Rand vollpacken und eine gewisse Länge fast schon zum guten Ton gehört, beschränken sich die Jungs aus Oakland auf gerade mal 33 Minuten. Und auch wenn in dieser Zeit viel passiert, hätte dem Longplayer ein wenig mehr Spielzeit gut getan. Das gibt leider satte Abzüge in der B-Note. Dennoch lohnt es sich für Freunde der progressiven Musik unbedingt, in „The High Frontier“ rein zu hören. Das Feuerwerk an Ideen ist nicht nur faszinierend, abwechslungsreich, stellenweise surreal und extrem kreativ, sondern auf seine eigene Art und Weise auch eingängig.

Anspieltipps:

  • High Frontier
  • The Bloom
  • Smokies Tangle
  • Life Without Skin

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