Ben Ivory - Neon Cathedral - Cover
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Ben Ivory Neon Cathedral


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 50 Minuten
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3.5/10 Unsere Wertung Legende
7.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Gestärktes Selbstbewusstsein und eine gut geölte PR-Maschinerie machen noch lange kein gutes Album.

Mein lieber Scholli, da haben ein paar Damen und Herren in der Warner-Presseabteilung wieder ganze Arbeit geleistet. Ben Ivory, der mit seinem Song „The righteous ones“ im Vorentscheid des Eurovision Song Contest 2013 lediglich im Mittelfeld gelandet ist, soll den Pop retten. Naja, eigentlich nicht nur retten, sondern im Vorbeigehen auch gleich erneuern, verbessern, heilen. Das Teilzeitmodel ist laut Info auf seiner Website immerhin „a walking contradiction of light and shadow, east and west, soul and intellect, melancholy and euphoria. It’s easy to forget Ben’s a human.“ Seine Stimme ist „ein paar tausend Jahre alt“, heißt es weiter, während Vergleiche mit Patti Smith, Kurt Cobain Nirvana, Michael Jackson oder Ludwig van Beethoven gezogen werden. Understatement? Wohl eher nicht!

Da also geklärt wäre, dass Mr. Elfenbein seit dem Erfinder der Knochenflöte das größte musikalische Genie auf Erden ist, wollen wir uns mal seinen künstlerischen Erguss in Form seiner „Neon Cathedral“ zu Gemüte führen, die von „New bright lights“ angeführt wird, einer 80er-Jahre Synthie-Pop-Nummer, die mit einer ziemlich fiesen Hookline ausgestattet ist und sofort ins Ohr geht. Dass der werte Herr in höheren Lagen zudem klingt wie Gavin Hayes in seinen besseren Tagen, obwohl er eigentlich viel lieber mit David Bowie verglichen werden will, dürfte für die Erneuerung des Pop ebenfalls recht dienlich sein.

Anschließend bekommt man allerdings das Gefühl, das die Nachstellung denkwürdiger Melodien und Künstler Ben wesentlich wichtiger war als eigenes Material zu entwerfen. Immerhin fühlt man sich im Chorus von „Come undone“ sofort an Boston erinnert, in „Glow“ trifft sich der 31-Jährige mit den Pet Shop Boys in seinen Gemäuern und wenn es in „Better love“ „Faxing Berlin“ von Deadmau5 an den Kragen geht, stellt sich die Frage, ob die ganze messianische Lobhudelei nicht die spärliche Ideenvielfalt bzw. dessen unverschämten Klau kaschieren soll, anstatt sie zu untermauern.

Geht es auf „Neon Cathedral“ nämlich einmal halbwegs unter dem Deckmantel „originell“ zu, dann erschöpfen sich Electro-Pop-Auswüchse wie „Disconnected“ und düstere Schunkelnummern („Remedy“) relativ schnell und wirklich herausragende Exemplare wie der unruhig brodelnde Titeltrack oder ungewöhnliche Konstrukte mit ansprechender Atmosphäre („Save me“) werden von unheimlich kitschigen Skip-Kandidaten („All for love“), 08/15-Synthie-Pop vom Reißbrett („Revenge“) oder einem schlaftablettenartigen Duktus („Sound of the city“) eingekreist und aufgrund ihrer Überzahl übermannt. Mit erhöhter Lautstärke und ein paar Promille ist das in Neonfarben gehüllte Gebäude von Mr. Ivory etwas erträglicher, die Frage „Will you still be with me when I´m sober“, die Ben seiner Herzensdame in „Sober“ in die Ohren raunzt, kann jedoch mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden.

Anspieltipps:

  • Save Me
  • Neon Cathedral

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