Scale The Summit - The Migration - Cover
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Scale The Summit The Migration


  • Label: Prosthetic Records
  • Laufzeit: 42 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Virtuose, komplexe und songdienliche Strukturen können auch harmonieren.

Schaut man sich mal die Geschichte der Popmusik an, dann kommt man zu dem Schluss, dass es nicht selten Musiker waren, die gerade mal mittelmäßig ihre Instrumenten spielten und doch der Welt die großartigsten und ehrlichsten Songs überhaupt schenken konnten. Das krasse Gegenteil sind Gitarren-Götter, deren Lieder eigentlich nur aus Aneinanderreihungen seelenloser Selbstbeweihräucherung bestehen. Special Interest soll hier auch ein solches bleiben - niemand, der nicht als Redakteur in einem Gitarren-Magazin oder als Verkäufer in einem Fachladen für Musikinstrumente arbeitet, juckt der gefühlt fünftausendste Abklatsch eines Joe Satriani oder Yngwie Malmsteen. Doch zum Glück - und jetzt kommen wir langsam zur Sache - gibt es noch Ausnahmen, die Technik mit Emotionen zu verbinden wissen. Da wären zum Beispiel das Solomaterial des Brasilianers Kiku Loureiro (Angra) oder auch das aus Texas stammende Quartett Scale The Summit. Diese jungen Herren sind allesamt Meister an ihren Instrumenten und wissen trotzdem, dass sich Komplexität, Virtuosität und ein gutes Songwriting per se nicht ausschließen müssen.

Ihr viertes Album „The Migration“ ist somit eine extrem waghalsige Gratwanderung, welche auf technischer Ebene nicht mit Superlativen geizt und sich dennoch zu jeder Zeit seine Seele behalten kann. Mit einem Arm halten sich die vier Jungs über Wasser, wo andere durch lauter Übermut längst in den Tiefen des Djents ersoffen wären. Das bedeutet allerdings auch nicht, dass sich die zehn Kompositionen auf „The Migration“ nicht dennoch einen Fingerhut an Übermut behalten konnten. Anders würde die ausnahmslos instrumentale Musik von Scale The Summit auch gar nicht funktionieren. Zwischen Progressive Rock und Metal, ein wenig Fusion und Mathrock, pendeln die Musiker hin und her. Der ihnen angedichtete Genre-Terminus „Adventure Metal“ ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen, trifft es aber genau, wenn man die Beherrschung der Instrumente allein betrachtet. Wahnsinnige Frickelorgien wie in „Odyssey“, dem brachial-harten „The Dark Horse“ oder „The Traveler“ bleiben eher die Ausnahme, auch wenn das demonstrierte hohe Niveau an und für sich die Basis für alle Songs auf „The Migration“ bildet. Während man die bis zur Perfektion getriebene Arbeit an den Instrumenten schließlich als Herz sehen will, sind es interessant gestaltete und atmosphärische Nummern wie „Atlas Novus“, „The Olive Tree“ und „Willow“, die mit einer relativ klaren und nachvollziehbaren Struktur die Seele des Albums darstellen. Hier geben sich Virtuosität und ein Songwriting, welches auch Normalsterbliche erfassen und genießen können, gegenseitig die Klinke in die Hand. Dennoch bleibt es in der Natur der Sache, dass „The Migration“ Zeit zum entfalten benötigt und keinesfalls auf Anhieb zünden kann.

Im musikalischen Sektor, in dem Scale The Summit angesiedelt werden können, haben die aus Houston stammenden Musikanten sicherlich eine Sonderstellung. Man merkt ihnen an, dass Musik eine Herzensangelegenheit für sie ist. Deshalb ist es erstaunlich und erfreulich, dass keiner der Musiker sich in den Vordergrund spielt und der absolute Star ist. Es herrscht eine Harmonie, die letztendlich dafür sorgt, dass jeder mal drankommt. So bleibt jedes Mitglied auf dem Boden der Tatsachen und man arbeitet miteinander auf ein Ziel zu. Dadurch wird „The Migration“ aber auch nicht zur einfachen Pop Musik - nein, es handelt sich nach wie vor um instrumentalen Rock, der von verschiedenen Personengruppen zu Recht verschmäht werden darf. Im Gegensatz zu so manch anderen Musikern, die mal eben ein Angeber-Geschwurbel herausbringen, machen Scale The Summit aber das einzig richtige und treten als Band auf, die erstens auch als eine solche funktioniert und zweitens etwas bietet, was hinter der Fassade des beinahe unmenschlichen Musizierens Substanz bietet. Jeder, der nicht eine absolute Aversion gegen komplexen instrumentalen Stoff hat, sollte „The Migration“ zumindest mal antesten.

Anspieltipps:

  • Odyssey
  • Atlas Novus
  • The Dark Horse
  • Willow

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