Tristania - Darkest White - Cover
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Tristania Darkest White


  • Label: Napalm Records
  • Laufzeit: 50 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Norweger spielen einmal mehr mit ihrem Lieblingsmotiv „Licht und Schatten“.

Man stelle sich vor, Primordial, After Forever und Dark Tranquillity treffen sich in einer Bar, trinken zu viel Alkohol und landen gemeinsam im Bett. Das Resultat: „Darkest White“. Das Gothic Metal-Gespann, das sich 1995 aufmachte, die Welt des Female Fronted Metal mit mehr als nur einem Paar blasser Frauenbrüste aufzumischen, legt mit seinem nunmehr siebten Longplayer einen überraschend gelungenen Cocktail der eingangs erwähnten Bands vor, hat allerdings weiterhin mit den bekannten Krankheiten vergangener Veröffentlichungen zu kämpfen. Die kritische Zutat „orchestraler Bombast“ bleibt zum Glück im Keller, jedoch kommen Tristania nicht um die eine oder andere kommerzielle Anbiederung herum, selbst wenn „Darkest White“ wesentlich weiter von einem chartorientierten Output entfernt ist, als die letzte Heaven Shall Burn.

Ein anschmiegsames Duett wie „Lavender“, welches wohl zu lange am Auspuff des Sigur Ros-Tourbusses geschnüffelt haben dürfte und seine Schönheit mit aller Pracht aus den Boxen peitscht, ist noch vertretbar. Auf lähmenden Eurovision-Schmalz und sterbenslangweiliges „Be victorious“-Geplärre in „Diagnosis“ können wir hingegen verzichten. Derartige Momente sind aber zum Glück nur sehr spärlich vertreten, meist überwiegt gleißendes Licht in Form interessanter Ansätze oder spannender Ideen die wirklich dunklen Schatten auf „Darkest White“. Da wäre zum einen der harte Einstieg mit „Numbers“, der schon fast unwirtlich und abstoßend den Hörer begrüßt, mit zunehmender Laufzeit jedoch Sängerin Mariangela Demurtas in den Mittelpunkt stellt und ein majestätisches Finale heraufbeschwört, und zum anderen das epische Doppel „Himmelfall“ und „Requiem“, welches mit Melodien, die unter die Haut gehen, einer fabelhaften Gesangsperformance von Mariangela und tiefen Growls von Anders Høyvik Hidle die Vorzüge der Truppe unter Beweis stellt.

Leider funktioniert der Ritt abseits ausgetretener Pfade nicht immer. So ist der Titeltrack ähnlich hart und unerbittlich wie „Numbers“, den unausweichlichen Sog des Openers tauscht der Song allerdings gegen Monotonie ein. „Scarling“ setzt düstere Akzente, spendiert aber keinen roten Faden, um die verworrene Struktur aus Gegrummel und Primordial-Rhythmik sinnvoll aufzulösen, und „Night on earth“ wirft gleich mehrere Melodieansätze in einen Topf, geht eine unbehagliche Liaison mit Mustasch und After Forever ein, verliert sich dann aber im Geflecht aus donnerndem Schlagzeug, Harmoniewirrwarr und verzweifelten Schreien von Mariangela. „Cypher“ bedient sich erneut der atmosphärisch dichten Welt des Alan Averill und konstruiert dieses Mal einen beeindruckenden Stimmungsteppich, der der Vehemenz der irischen Pagan Metal-Truppe in nichts nachsteht, während „Arteries“ zum Abschluss noch einmal in die Vollen geht, für überschäumende Lobeshymnen jedoch mehr Feingefühl hätte zeigen müssen, da es zu überladen seine Darbietung gibt.

„Darkest White“ ist keinesfalls ein schlechtes Album, allerdings stören viele kleine Unstimmigkeiten und unfertig wirkende Ideen den hervorragenden Eindruck von Tracks wie „Number“ oder „Requiem“, die jeder Gothic Metal-Fan alsbald sein Eigen nennen sollte. Ob er das im Zuge des Erwerbs des siebten Tristania-Outputs macht oder lieber digital die Rosinen herauspickt, bleibt jedem selbst überlassen. Grundsätzlich wird es aber langsam Zeit, das die Norweger ihr Dasein als Geheimtipp für Szenekenner ablegen, halbgare Songskizzen über Bord werfen und ihr unüberhörbares Talent in einem Meilenstein bündeln, der über jeden Zweifel erhaben ist. Vielleicht zum 20-jährigen Jubiläum in drei Jahren?

Anspieltipps:

  • Cypher
  • Number
  • Requiem
  • Himmelfall

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