Dark Tranquillity - Construct - Cover
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Dark Tranquillity Construct


  • Label: Century Media/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 42 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
7.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Göteborger auf dem schmalen Grat zwischen Stillstand und Evolution.

Normalerweise setzen sich Mikael Stanne (Gesang), Niklas Sundin (Gitarre), Martin Henriksson (Gitarre), Martin Brändström (Keyboard), Daniel Antonsson (Bass) und Anders Jivarp (Schlagzeug) im Proberaum zusammen und entwickeln gemeinsam Ideen für ein neues Album. Sie hantieren mit Riffs, basteln an Melodien und entwerfen Skizzen für diverse Songkonstrukte, die dann im Studio verfeinert und eingespielt werden, einen musikalischen Stempel des jeweiligen Produzenten bekommen (auf den Werken „Fiction“ (04/2007) und „We Are The Void“ (02/2010) war Produzent Tue Madsen (The Haunted, Mnemic, Ektomorf) dafür zuständig) und letzten Endes auf CD gepresst den Fans zugänglich gemacht werden. Bei „Construct“, dem zehnten Werk des Aushängeschilds der Göteborger Schule, war jedoch alles anders.

„Als wir begannen, dieses Album zu schreiben, funktionierte es einfach nicht richtig. Wir hatten ein paar Fehlstarts und erkannten, dass wir diesmal einen neuen Ansatz brauchten. Im Prinzip haben wir „Construct“ dann im Studio geschrieben“, erläutert Gitarrist Sundin. Doch nicht nur beim Entstehungsprozess wurde ein ansonsten wichtiges Mittel weggelassen, auch Tue Madsen wurde gegen Jens Bogren (Opeth, Katatonia, Kreator) getauscht und Bassist Daniel Antonsson verließ wegen der Verfolgung eigener Ziele Mitte Februar dieses Jahres die Band, was wohl auf den letzten Metern sowohl bei Dark Tranquillity, als auch bei den Fans für einige unerwartete Turbulenzen sorgte. Bedenken, „Construct“ könnte womöglich den Biss und die Relevanz früherer Veröffentlichungen der fünf Schweden missen lassen, dürfen nach eingehender Studie des zehnten Longplayers zwar ad acta gelegt werden, auf einem unerschütterlichen Fundament stehen die Melodic Death-Vorreiter mit dem diesjährigen Ableger allerdings nicht mehr.

Der dynamische Wechsel zwischen romantischer Düsteratmosphäre und aufbegehrenden Nummern mit Rockattitüde funktioniert auf „Construct“ nämlich nur mehr dann, wenn alle Zahnräder ineinander greifen, und verkommt ansonsten durch kleine Unstimmigkeiten zu einem guten, aber nicht annähernd perfekten Gebilde, das eine bedrohliche Nähe zu Gleichgültigkeitsmetal der Marke HIM und Konsorten aufwirft („Weight of the end“, „Endtime hearts“). So fasziniert erneut die angenehm raue Stimme von Sänger Stanne und das subtil eingewobene Geflecht aus schwelgerischen Keyboardmelodien und treibendem Schlagzeug („For broken words“, „Apathetic“), während die Gitarren nur mehr eine Randnotiz darstellen und im brodelnden Melodeath-Hexenkessel zu einem undifferenzierten Klumpen heranwachsen.

Den größten Pluspunkt verdienen sich Dark Tranquillity hingegen, wenn der ansonsten in tiefen Sphären grummelnde Stanne als Gavin Hayes-Imitat (dredg) das Herz erweicht („Uniformity“), keineswegs kitschige Streicher- und Klavierteppiche den Kern eines Songs schmücken („None becoming“), das Prinzip der Kommerzialität schmackhafte Früchte trägt („What only you know“) oder progressive Tendenzen verfolgt werden, die vielleicht noch nicht zur Gänze ausgereift sind, aber einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft gewähren („State of trust“). Wie es der mitgelieferte Waschzettel von sich aus betont, offenbaren „die neuen Songs eine Unmittelbarkeit, die eher von Melodie und emotionaler Tiefe als von kompliziertem Riffing“ bestimmt werden, was auch im Einklang mit den seltsam verwaschenen Gitarrenspuren steht. Mit „Construct“ stehen die Schweden jedenfalls am Scheideweg zwischen Stillstand und Evolution. Ob dies das Ende von Dark Tranquillity bedeutet, wie wir sie kennen, oder dies nur der wankelmütige Anlauf vor einem größeren Höhenflug ist, wird sich vermutlich in drei Jahren zeigen.

Anspieltipps:

  • Apathetic
  • Uniformity
  • None Becoming
  • For Broken Words

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