The Dillinger Escape Plan - One Of Us Is The Killer - Cover
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The Dillinger Escape Plan One Of Us Is The Killer


  • Label: BMG Rights Management
  • Laufzeit: 41 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Prügelknaben aus New Jersey schnitzen sich ihr eigenes „The Shape Of Punk To Come“.

Schematische Abfolgen, die ein Riffkorsett spinnen, das so präzise ist, dass man danach seine Schweizer Uhr stellen kann, sind im chaotischen Mikrokosmos des Mathcore das Natürlichste der Welt. Die darin eingebundenen, unzähligen Takt- und Rhythmuswechsel scheren sich außerdem einen Dreck um normale Hörgewohnheiten und treiben den Hörer durch ihre technisch anspruchsvolle Grundlage nicht selten an den Rand der Verzweiflung. Bands wie Ion Dissonance, War From A Harlots Mouth oder Iwrestledabearonce zeigen auf diesem Weg durch ihr scheinbar destruktives Konstrukt Grenzen oder Möglichkeiten auf, die dem normalen Musikkonsumenten nie in den Sinn gekommen wären, oder hat man jemals zuvor einen räudigeren Bastard aus No Doubt, Whitechapel, Static-X und At The Drive-In gehört, als in „Karate nipples“ von „Ruining It For Everybody“ (07/2011)?

Da die reine Hackwurst nicht satt macht, gibt es diese heftigen Kopulationen mit anderen Genregeschlechtern immer wieder und so sprießen gerade im neuesten Werk der Mathcore-Pioniere The Dillinger Escape Plan massenhaft parasitäre Kreuzungen aus dem Boden, sodass man nach dem Genuss von „One Of Us Is The Killer“ gar nicht mehr weiß, was die Uhr gerade geschlagen hat. Als unliebsamer Weckruf wurde das dissonant umher tänzelnde „Prancer“ installiert, gefolgt von einer hektisch-keifenden Offbeat-Hommage an Refuseds „The deadly rhythm“, das in den von jazzigen Nebelschwaden betörten Titeltrack ufert, welcher mit meisterhaftem Songwriting und einem donnernden Finale zeigt, zu welchen Großtaten aufgebrochene Stilgrenzen führen können. Eine Spur zu aggressiv wütet anschließend Greg Puciato als bissiger Pitbull mit seinen über sieben Tempo-, Rhythmus- und Melodiehürden gleichzeitig springenden Mitstreitern Ben Weinman (Gitarre), Liam Wilson (Bass) und Billy Rymer (Schlagzeug), dafür entschädigen die darauffolgenden Kompositionen mit wohldurchdachter Raffinesse und dem einen oder anderen maulsperrefördernden Twist.

Da ist es dann eigentlich egal, ob man während des dynamischen Hardcorebrockens „Nothing´s funny“ versucht, seinen Kiefer wieder einzurenken, bei dem mit Free Jazz-Synkopen angereicherten Höllenritt „Understanding decay“ vom Stuhl gefegt wird, in „Paranoia shields“ hört, wie Billy Talent klingen könnten, wenn sie sich wieder Eier wachsen lassen würden, oder in den 2 ½ Minuten des mit unmenschlicher Präzision vor sich hin groovenden Instrumentals „CH 375 268 277 ARS“ vor lauter Frust seine eigenen Instrumente verbrennt, „One Of Us Is The Killer“ ist ein würdiges Mitglied in der The Dillinger Escape Plan-Familie. Sicherlich verschätzt sich der Vierer beim angepissten „Magic that I held you prisoner“ mit einem ambivalenten Spagat aus harter Mathcore-Rhythmik und versöhnlichen Progressive Metal-Harmonien, doch spätestens wenn sich der Hörer mit „Crossburner“ wieder im Auge des Sturms befindet und das Quartett aus New Jersey dem faszinierenden Spiel mit laut und leise einen epischen Hintergrund spendiert, wo das ahnungslose Individuum vor den Boxen schreiend zum Albumende geleitet wird, um dort vom düster-grollenden „The threat posed by nuclear weapons“ niedergeprügelt zu werden, dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Nein, „One Of Us Is The Killer“ trägt nicht dieselbe, wegweisende Formel eines „Calculating Infinity“ (09/1999) in sich und wenn wir ehrlich sind wissen wir, dass The Dillinger Escape Plan an die Qualität ihres monumentalen Debüts nie wieder heranreichen werden. Fakt ist aber, dass die fünfte Abrissbirne von Puciato, Weinman, Wilson und Rymer dem durchgeknallten Mindfuck eines „Ire Works“ (11/2007) oder dem Cold Turkey, auf dem man sich während „Option Paralysis“ (03/2010) befunden hat, in nichts nachsteht. Die eingängigen Momente sind weiterhin vorhanden und die bedingungslose Avantgarde dafür verschwunden, unterm Strich hat man es trotzdem mit einem spannungsgeladenen Machwerk zu tun, das durch seine Mischung aus blanker Aggression, einzigartigem Rhythmusgefühl und hochmelodischen Abschnitten an das unerreichbar scheinende Götteralbum „The Shape Of Punk To Come“ (10/1998), welches diese Komponenten in Perfektion verband, bedrohlich nahe kommt.

Anspieltipps:

  • Crossburner
  • Nothing´s Funny
  • When I Lost My Bet
  • Understanding Decay
  • One Of Us Is The Killer

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