Beatrice Egli - Glücksgefühle - Cover
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Beatrice Egli Glücksgefühle


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 40 Minuten
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1.5/10 Unsere Wertung Legende
4/10 Leserwertung Stimme ab!

Nicht nur die Gefühle sollten eine Schweigepflicht erhalten.

„Hallo meine lieben Freunde... ich kann es kaum abwarten - am Freitag erscheint mein erstes Album ‚Glücksgefühle‘!!!!“, veröffentlichte Beatrice Egli mit einer für den durchschnittlichen DSDS-Gewinner beinahe schon beängstigend - und somit verdächtig daherkommenden - korrekten Orthographie nur kurz nach ihrem Sieg bei „Germany's finest Deppenparade“ auf ihrer „echten und einzig offiziellen Facebookseite“. Hähnen, die trotz sinkender Quoten und eventuell wachsender Gehirnzellen der letzten „Zuschauergenerationen“, tatsächlich noch nach DSDS krähen sollten, fällt direkt die erste Lüge auf. Beatrice Egli hat bereits zwei Longplayer aufgenommen: „Sag mir wo wohnen die Engel“ (2007) sowie „Feuer und Flamme“ (2011). Von wegen also „erstes Album“! Die 1988 geborene Schweizerin wuchs in einer musikalischen Familie auf, machte schließlich eine Ausbildung zur Friseuse (alternativ auch Friseurin, Frisöse, Coiffeuse bzw. Coiffeurin - man suche sich den schönsten Begriff heraus!), um kurz danach auch schon ins Schauspielgeschäft zu wechseln. Die Musik blieb dabei stets ihre Leidenschaft. So sehr, dass sie sich schließlich für eine Teilnahme bei DSDS entschied. Hüstel …

Man kann nun über den typischen Teilnehmer von Deutschlands berühmt-berüchtigtster Castingshow denken, was man will: Beatrice Egli ist keiner von ihnen. Sie ist kein einfältiger Pietro Lombardi, der lediglich mit einer Boulevard-Liaison oder einem ihm angedichteten „Style“ nach den letzten Strohhalmen greifen muss. Sie hat ebenso wenig das Mark Medlocksche Paradiesvogel-Argument wie die einen Mittelfinger zeigende Sympathie von Querkopf Max Buskohl. Die Wahrheit ist, dass Beatrice Egli eine aalglatte Entertainerin ist, die nur darauf gewartet hat, zielgruppengerecht vermarktet zu werden und somit der Vorstellung der breiten Masse, wie ein Superstar auszusehen hat, näher kommt als jeder vor ihr. Dank der Schauspielausbildung sitzt angefangen bei den Kameraflirts, hin über ein fast regelmäßiges Zuzwinkern, Märsche durch die klatschenden Publikumsreihen oder die Unfähigkeit, für nur eine einzige Sekunde das Lächeln vor der Kameralinse abzulegen, eigentlich alles. Knebelverträge von DSDS oder Castingshows? Beatrice Egli ist wohl eine der wenigen, die das ganze Spiel bereitwillig mitmacht. Sie ist mehr oder weniger medienerfahren, weiß genau, was sie wann und wie zu sagen hat und nutzt die Chance, sich weiter verkaufen zu lassen. Sie kriegt zur Abwechslung sogar mal einen geraden Satz heraus und redet im glasklaren Hochdeutsch - ihre Final-Konkurrentin musste die bittere Pille schlucken, ging gnadenlos unter und wirkte trotz weiblicher Reize wie eine graue Maus.

Bühne frei für „DSDS meets Schlager“! Warum bisher noch keiner auf die Idee gekommen ist, diese Marktlücke zu schließen, bleibt eine Frage, die sich vor allem eventuell gefeuerte Trendexperten der Grundy Light Entertainment GmbH stellen werden. Das alles passt doch zusammen wie Arsch auf Eimer: Der gemeine Käufer von DSDS ist von Natur aus anspruchslos, der Schlagerhörer ist ebenfalls unkritisch. Ob der jeweilige Interpret nun bei Andy Borg, als Alleinunterhalter in einer Eckkneipe oder in einer Mega-Disco auf Malle auftritt, ist eh nicht von Belang, solange die Songs catchy sind und das Bier fließen kann. Ob der Künstler nun bei einer Retorten-Show rekrutiert wurde oder sich den Erfolg jahrelang hart erarbeiten musste, ist ebenfalls unwichtig, solange gegrölt, geklatscht und geschunkelt werden darf. Für DSDS sind die kaum vorhandenen Ansprüche an Authentizität in der Schlagerszene Freiwild. Ein hervorragender Nährboden also für alles, was Musik zur Zweitrangigkeit degradiert. Und hier setzt „Glücksgefühle“ an und wird definitiv für Glücksgefühle auf dem nächsten Kontoauszug der Puppenspieler hinter Schlagerprinzesschen Beatrice sorgen. Das in kürzester Zeit zusammengeschusterte Album enthält mit dem von Dieter Bohlen quasi als Proto-Schlager geschriebenen „Mein Herz“ natürlich den Gewinnersong der jungen Schweizerin. Elf weitere Songs sollen noch kommen, alle aus seiner Feder. Auf einfache Aufnahmen der Mottoshows wurde verzichtet, auch wenn das Material zielgruppengerecht auch auf „Glücksgefühle“ eine gute Figur gemacht hätte.

Ein Trostpflaster ist dabei vielleicht, dass Bohlen der deutschen Sprache doch mehr oder weniger mächtig ist und er uns mit Schalalala-Kinderreim-Unterstufenenglisch zur Abwechslung verschont. Der Schlager macht's möglich! In Sachen Stumpfheit muss sich „Mein Herz“ dennoch nicht hinter ehemaligen Gewinnersongs verstecken. Hinter den restlichen Kompositionen auf „Glücksgefühle“ dann allerdings auch nicht. Ob nun „Verlieben, verloren, gelacht und geweint“, „Zum Teufel mit Dir“ oder „Tausend Mal“ - Bohlens Handschrift ist immer spätestens dann zu erkennen, wenn selbst das Reimlexikon anfängt, innovativ zu erscheinen. Textlich so unbeholfen, dass selbst eine Helene Fischer die angebotenen Kompositionen abgelehnt hätte, spielt man hier mit bereits tausendmal durchgekauten Klischees und lässt gerade so den Bohlen-Trash hinter vollkommener Langeweile und Eintönigkeit verblassen. Zitate gefällig? Unnötig, denn das, was man zu hören bekommt, ist selbst für Schlager-Verhältnisse erschreckend trivial und könnte beinahe als Parodie taugen. Musikalisch dominieren dann der Drumcomputer und besonders schmierige Synthies, die wiederum einen Verweis auf Bohlens eigene musikalische Vergangenheit geben. Hier hat Deutschlands Pop-Titan wirklich sehr tief in die Trickkiste greifen müssen. Wirklich unterschiedlich oder spannend wirkt gar nichts. Man merkt regelrecht, dass „Glücksgefühle“ praktisch eine große Anhäufung von vermeintlichen B-Seiten oder Platzhaltern aus dem Archiv ist, die schnell einen Schlager-Anstrich bekommen haben.

Gut erkennt man das bei den Songs „Flieg nicht so nah ans Licht“ und „Diese Nacht hat 1000 Stunden“, die an und für sich „normale“ Pop-Balladen sind, welche auch jeder andere Gewinner in dieser Form hätte aufgedrückt bekommen. Auf den Punkt bringt es „Ist doch alles egal“ - ganz genau, es ist wirklich alles egal und belanglos. Was am Ende übrig bleibt, ist ein selten so dargebotenes Maß an Kalkül. Beatrice Egli und Bohlen/DSDS - da haben sich zwei gefunden! Das war ja auch der Sinn der Sache. Die Schlagerszene wird’s mögen, aber aufgrund der gebotenen Inspirationslosigkeit auch nur so lange, wie sie an ihren Idolen Berg oder Fischer hängen bleiben wird. Der Freund guter Musik ignoriert dieses Machwerk am besten wie immer komplett, entwickelt dann aber vielleicht doch die Faszination am Ekel, wie berechnend man heutzutage einen Teilnehmer von DSDS doch noch verkaufen kann. Vom Fräulein Egli haben wir definitiv nicht das letzte Mal gehört. Der diesmal höchstwahrscheinlich vorprogrammierte Erfolg, viele noch kommende Nachwuchs-Eglis der wahrscheinlich nie enden wollenden DSDS-Staffeln und ein baldiger Nachschub an neuem Material dieser Interpretin werden eine deutliche Sprache sprechen. Bei der Eröffnung eines Möbelmärklis oder in einem Biergärtli irgendwo in der Provinz werden wir die gute Beatrice wohl nie sehen. Fazit: „Glücksgefühle“ ist plus/minus das 20. Album im Rahmen der DSDS-Veröffentlichungen. Wir werden also noch ca. 980 Mal belogen werden. Na toll ...

Anspieltipps:

  • Diese Nacht hat 1000 Stunden

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