Orphaned Land - All Is One - Cover
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Orphaned Land All Is One


  • Label: Century Media/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 54 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Der musikalische Kampf gegen religiöse Windmühlen geht in die fünfte Runde.

Wenn man mehrere Millionen religiöser Fanatiker bekehren will, dann ist Diplomatie meist der falsche Zugang. Orphaned Land aus Israel gingen schon vor über 20 Jahren in die Offensive und präsentierten mit ihren vielschichtigen Werken, allen voran das majestätische „Mabool“ (02/2004), die Elemente aus den verschiedensten Kulturkreisen, sowie multilinguale Texte beherbergten, ein faszinierendes Beispiel wie Völkerverständigung funktionieren sollte. Mit „The Never Ending Way Of ORwarriOR“ (01/2010) baute die aus Kobi Farhi (Gesang), Yossi Sassi (Gitarre, Bouzouki, Cumbus ), Chen Balbus (Gitarre, Glockenspiel, Keyboard), Uri Zelha (Bass) und Matan Shmuely (Schlagzeug) bestehende Truppe das Konzept fort und veröffentlichte ihr bislang ambitioniertestes Werk. Führt man sich jedoch die reinen Eckdaten zum Nachfolger „All Is One“ zu Gemüte, wird der Aufwand mühelos getoppt. Abgemischt von Jens Bogren (Kreator, Amon Amarth, Opeth) und in drei unterschiedlichen Ländern (Israel, Schweden, Türkei), die nebenbei erwähnt jeweils unterschiedlichen Religionen angehören, aufgenommen, versammelt das fünfte Werk Orphaned Lands über 40 Musiker, darunter „25 Chorsänger und acht Violinen-, Viola- und Cello-Spieler aus der Türkei“. Von Understatement hält die israelische Band offensichtlich nicht viel.

„Wenn wir eine Show in Istanbul in der Türkei spielen, die das einzige muslimische Land ist, in dem wir spielen dürfen, kommen die Leute den ganzen Weg aus dem Iran und Libanon, aus Ägypten und Jordanien, nur um uns spielen zu sehen. Da kommen Gegner, die sich sonst bekämpfen, zusammen, um uns gemeinsam zu sehen. Für mich sind Juden und Araber historisch gesehen Brüder, weil wir alle Abkömmlinge von Abraham sind. Doch der Konflikt und die Differenzen sind so groß, dass wir das mit der Zeit vergessen haben. Zu erkennen, dass unsere Musik ein Instrument ist, die Menschen daran zu erinnern, dass wir alle eins sind, ist fast schon ein bisschen schockierend für mich. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass Blutfeinde unserer Musik wegen ihre Augen öffnen. Deswegen ist der Titel des neuen Albums auch 'All Is One'“, erklärt Frontmann Kobi und bereits bei einem Blick auf das simple, wie geniale Coverartwork weckt das Album Sympathien, ohne auch nur einen Ton davon gehört zu haben. Wurde übrigens schon erwähnt, dass Fans der Band im Jahr 2012 eine Petition gestartet haben, um Orphaned Land mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen? Wie man sieht, ist die Band auf vielen Ebenen auf ihrem Zenit angekommen und möchte nun wieder musikalische Zeichen setzen.

Im Hinblick auf den diesjährigen, titelgebenden Opener hat man sich auf einen epischen Mix aus treibendem Metal, opernhaften Chören und orientalischer Folklore geeinigt, dessen faszinierende Mischung es sogleich im anschließenden „The simple man“ mit härteren Riffs zu tun bekommt, während das von Streichern getragene „Brother“ den Weg für die restlichen Stücke vorgibt, die sich im Vergleich zu „The Never Ending Way Of ORwarriOR“ oftmals zurückhaltend und selten wirklich aufbrausend, dafür deutlich kompakter und direkter gestalten. Subtile Details in Form verschiedenster Instrumente aus aller Herren Länder (Sitar, Bouzouki, unterschiedliche Perkussion) gibt es zwar überall zu entdecken und das Songwriting glänzt durch die nahtlose Einbindung von klassischer Streicheruntermalung, überwältigenden Chorarrangements und unterschiedlichem Sprachgebrauch (neben Englisch gibt es Abschnitte in Hebräisch, Arabisch und Jemenitisch zu hören), doch das gab es eben auch schon auf den vorangegangenen Werken. Und obwohl sich viele großartige Melodien und Momente auf „All Is One“ befinden, hat man aufgrund der gesetzteren Herangehensweise mitunter das Gefühl, Orphaned Land hätten den Kampf gegen religiöse Windmühlen (vor allem im hinteren Drittel) aufgegeben.

Damit soll freilich nicht zum Ausdruck gebracht werden, das fünfte Opus wäre schlecht oder vernachlässigbar, doch man vermisst einfach den dynamischen Hürdenlauf, den progressiven Schlagabtausch oder schlicht und ergreifend das größere Ganze, welches für sich gesehen immer eine eigene Geschichte zu erzählen hatte. Growls werden z.B. nur im grandios inszenierten „Fail“ untergebracht und weibliche Gesangsunterstützung beschränkt sich auf das Semi-Instrumental „Through fire and water“ und einige der eingebundenen Chöre - da wäre definitiv mehr drin gewesen! Auf textlicher Ebene ist „All Is One“ dafür über alle Zweifel erhaben, Kobi ärgert sich nicht nur über Vorurteilsbildung im Kindesalter („Let the truce be known“), Politiker („Fail“) oder es gibt Geschichtsunterricht über Abrahams Söhne („Brother“), die Lyrics sind auch mit nachdenklichen, wie diskussionsfördernden Passagen der Marke „Who cares if you´re a muslim or a jew?“ („All is one“) oder „They will send our sons to war to die for a god / That they use as a coin to barter for blood“ („Fail“) gewürzt. Der größte Vorteil Orphaned Lands ist aber noch immer ihr einzigartiger Exotenstatus, wodurch Farhi und seine Truppe viele Unzulänglichkeiten vergessen lassen. Überstrapazieren sollten sie dies aber nicht.

Anspieltipps:

  • Fail
  • All Is One
  • The Simple Man
  • Through Fire And Water

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