Frida Gold - Liebe Ist Meine Religion - Cover
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Frida Gold Liebe Ist Meine Religion


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 47 Minuten
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2.5/10 Unsere Wertung Legende
2.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn diese Liebe eine Religion ist, sollten wir alle zu Atheisten werden.

Fünf Sachen, die anno 2013 spannender als Frida Gold sind: Grillformen für eine Dorade kaufen, Curling, ein Match zwischen der deutschen Nationalelf und einer Regionalmannschaft der Färöer-Inseln, Alina Süggeler beim Abrasieren ihres Schädels beobachten, Alina Süggeler beim Wachsen eines Tomboy-Haarschnitts beobachten. Eine Sache, die anno 2013 langweiliger als Frida Gold ist: Dostojewski. Wobei das eine Lüge ist, denn Dostojewski kann äußerst interessant sein! Das könnten Frida Gold streng genommen auch. Sieht man die junge Band aus Hattingen nämlich losgelöst von einer ausgeprägten Medienpräsenz, der Teilnahme am Bundesvision Song Contest und dem immer mitschwingenden „Hey, die Sängerin ist ja ein Model“-Hintergedanken, bleibt ein eigentlich ganz netter Radiopop mit Elektroeinschlag.

Nur schade, dass dieser Alina Süggeler (Gesang), Andreas Weizel (Bass), Julian Cassel (Gitarre) und Thomas Holtgreve (Schlagzeug) anscheinend nicht gereicht hat und sie den ohnehin schon ziemlich klotzenden Sound des Vorgängers bis zum Gehtnichtmehr aufplustern und ärgerlich verkopfen. Mit dem damals von den Radiostationen totgenudelten (aber definitiv gefälligen) „Wovon sollen wir träumen“ oder dem Albumtrack „Morgen“ hatte man auf dem Debüt „Juwel“ (2011) zumindest zwei Songs, die wie die restlichen Kompositionen zwar nicht wirklich weltbewegend, aber zumindest nett waren. Den großen Preis für Innovation konnten Frida Gold zwar damals schon nicht für sich beanspruchen, aber immerhin kriegte man vor dem Trend-Abgrund noch ganz knapp die Kurve und tat niemandem wirklich weh.

„Liebe ist meine Religion“ knüpft am Erstling an. Doch dieses Mal wird der Bogen überspannt. Frida Golds zweiter Longplayer ist ein Machwerk geworden, welches ernst genommen werden und mit aller Macht das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ für sich beanspruchen will; koste es, was es wolle. Das geht schon bei der mit ausreichend Airplay gesegneten Single „Liebe ist meine Rebellion“ los und feuert den elf Kompositionen zählenden Seuchenherd ordentlich an. Das Musikvideo kratzt in seiner unfreiwillig komischen Aufmachung beinahe am Camp - Camp ohne freundlichem Augenzwinkern oder ironischer Ästhetik, wohlgemerkt! Auf dem Silberling bleiben dann „nur“ die von Alina Süggeler und Andi Weizel geschriebenen Texte, die streng genommen eigentlich leicht verständlich sind, einem aber zu jeder Zeit weismachen möchten, sie seien große Lyrik. Süggeler und Weizel werden vom Gewicht ihrer Bedeutungsschwere regelrecht erdrückt. Merken sie es selbst? Kommen sie sich gar cool dabei vor? Es bleibt nicht zu hoffen. Der Hörer hat solch einen Mummenschanz schnell durchschaut und schaudert bei einem Bombardement aus altkluger Oberstufenraum-Poesie und Weisheiten, das zwar nicht in unheilige Befindlichkeits-Sphären eines Xavier Naidoo hinab rutscht, aber auf seiner ganz eigenen Art und Weise schwer zu ertragen ist. Zwischendurch werden einige Verse dann immer wieder auf Englisch vorgetragen, was den Songs auf „Liebe ist meine Religion“ stets eine unangenehme Flapsigkeit gibt. Die Generation Hollister dürfte dennoch tief beeindruckt sein. Allerdings könnte man der auch ein gammeliges Fischbrötchen verkaufen, solange es als hip oder „alternativ“ angepriesen wird.

Musikalisch bügeln Frida Gold ihr „Juwel“ von damals so glatt, dass es auf der Ministrantenrobe ihrer Liebesreligion endgültig glanzlos wird. Die durchaus vorhandenen Ecken und Kanten von damals weichen eiskaltem Kalkül und Zielgruppenorientierung. Die bereits erwähnte Single „Liebe ist meine Rebellion“ legt mit einem großen, euphorisierenden Bombast-Intro direkt los, mündet schließlich in pumpenden Dance-Pop und ist sich nicht zu schade, Gala Rizzattos „Freed From Desire“ als Pastiche zu sampeln. Euro-Dance bleibt trotz aller Nostalgie und Sentimentalität Trash. Er war Trash, ist Trash und wird Trash bleiben. Frida Gold wollen ihn aber wieder cool machen und absorbieren somit den Trash - sie blähen ihn aber lediglich auf, produzieren ihn druckvoll und nehmen sich dabei bierernst. „6 Billionen“, „Himmelblau“ und „Im Rausch der Gezeiten“ folgen diesem Muster. Die Mischung aus Pop-, Elektro- und Dance-Klängen mag und soll seine Anhänger finden, ist aber trotz der glatten Politur doch sehr viel innovationsarmer und langweiliger als zu „Juwel“-Zeiten.

Lediglich „Die Dinge haben sich verändert“ ist eine durchaus gefällige Ballade geworden, welche mit Violinen hübsch geschmückt wurde. Das bisschen Kitsch sei durchaus verziehen - als nettes Pop-Nümmerchen geht der Song definitiv durch, auch wenn das Gezwungene, das Pseudo-Intellektuelle und somit extrem Ärgerliche, immer wieder die Freude an der leicht melancholischen Nummer trübt. Überhaupt nehmen sich Frida Gold viel zu ernst. Das wirkt bestenfalls komisch und sorgt für Fremdscham, wirkt über kurz oder lang aber schlichtweg arrogant. Somit spielt man die Karten des Vorgängers nicht aus. Höher, schneller, weiter; das klappt nun mal auch nicht immer. „Liebe ist meine Religion“ will große Kunst sein, experimentelle neue Wege gehen, gleichzeitig aber so trendy und lässig wirken, dass auch der allerletzte Hipster abgeholt wird. Am Ende ist das Album aber mehr Schein als Sein, steht zwischen den Stühlen und wirkt belanglos, enttäuschend, nichtssagend.

Anspieltipps:

  • Die Dinge haben sich verändert

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