Shining - One One One - Cover
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Shining One One One


  • Label: Indie Recordings/EDEL
  • Laufzeit: 36 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit einem Saxophon mosht es sich innovativ!

Vielleicht kennt der eine oder anderen folgende Situation von Partys oder Sit-Ins:

Person A: “Ey, Alter! Ich habe hier echt krassen Scheiss. Guck mal, _____ (hier eine beliebige experimentelle Band einfügen) machen richtig abgefahrenes Zeug. Voll interessant und noch nie dagewesen.“

Person B: „Komm, geh mir damit weg. Lass doch einfach die Musik laufen. Deine Mucke nervt die Leute doch eh nur und versaut die Stimmung.“

Liebe Musik-Nerds, hier kommt nun endlich eure Experimental-Band für das gemütliche Beisammensein mit Menschen, die von euch eigentlich immer nur genervt waren. Shining gibt es zwar streng genommen seit nunmehr 14 Jahren und sie waren schon immer abgefahren, ziehen aber mit ihrer neuen Langrille ganz neue Saiten auf. „One One One“ ist nach „Blackjazz“ (2010) und „Live Blackjazz“ (2011) der dritte Teil von Shinings Blackjazz-Trilogie. Und auch wenn das sechste Werk der 1999 gegründeten Band klar und deutlich beweist, dass Shining sich ihre Platzhirsch-Position bewahren können, ist es sicherlich eines der eingängigsten Werke der Norweger. Jørgen Munkeby (Saxophon, Gitarre, Gesang) selbst sagt, dass er und seine Jungs diesmal Songs schreiben wollten, die hauptsächlich Spaß bringen. Das ist mit „One One One“ gelungen. Mehr noch: Die Melange aus experimentellen Einsprengseln und catchigen Rockern funktioniert vorzüglich. Auch wenn sich Shining nach wie vor nicht in ein Genre drängen lassen, sind sie an einem Punkt angelangt, wo sie für ein breites Publikum greifbar geworden sind, aber auch alteingesessenen Anhängern das gewohnt abgefahrene Programm aus Industrial Metal, Crossover, Mathrock, Free Jazz und Fusion bieten können. Aufgrund dieser stilistischen Vielfalt kann der Shining-Sound auch gerne als Progressive Metal bezeichnet werden. Und zwar losgelöst von den Regeln des Genres und weit entfernt von Djent-Eskapaden. Oder wie wäre es mit Saxophon-Core? Das Trio nennt es einfach Blackjazz und hat im Gegensatz zu so vielen anderen Bands diverser Sparten unbedingt das Recht, das Genre auch plausibel als ein eigenes und eigenständiges zu präsentieren.

Und so spielen die drei Norweger auf „One One One“ einfach drauflos. Der mit einem nicht zu unterschätzenden Härtegrad ausgestattete Metal wird so organisch mit Elektro- und Jazzfrickeleien angereichert, dass sich die technisch auf höchstem Niveau befindlichen musikalischen Ausbrüche nicht als Fremdkörper anhören. Das Gerüst kratzt immer wieder am Industrial Metal und erinnert an Nine Inch Nails im Light-Gewand - die Idee, zügellos und nach Herzenslust Abgehnummern zu komponieren, wirft jeglichen Ballast ab und tarnt den Anspruch mit Songs, die Laune machen und höchst playlistkompatibel sind. Der Opener „I Won't Forget“ hinterlässt einen idealen Eindruck. Die Einladung in die Tiefen des Moshpits erhält durch die elektronischen Arrangements ein durchaus belebendes Argument. Die ungebändigte Wut von Strapping Young Lad trifft auf einen technischen Groove, virtuoses Chaos und gigantische, unwirklich erscheinende Klangteppiche, die von Keyboard und Saxophon gewoben werden. Die beinahe abstrus abgefahrenen, teilweise sogar düster morbiden Elemente des Free Jazz zünden; wer das Saxophon mit Barjazz-Romantik in Verbindung bringt oder den süßlichen Klang neuerdings als Anreicherung von Symphonic Metal sieht, wird hier schnell eines Besseren belehrt. Das beweist die Band in Songs wie „The One Inside“, „How Your Story Ends“ oder „The Hurting Game“ souverän. Im Gegensatz zu den Japanern von Sigh, die mittlerweile auch voll und ganz auf ihre Saxophonistin bauen, darf das Sax bei Shining gerne als vollwertiges Metal-Instrument gesehen werden.

Bandchef Munkeby spielt es teilweise so roh und verfremdet, dass man oftmals ganz genau hinhören muss, was sich hinter den Elektro-Schwaden und der Doublebass versteckt. Die knackige Spielzeit von gerade mal 36 Minuten bewahrt den Hörer zusätzlich davor, sich überfordert zu fühlen, denn auch wenn „One One One“ recht schnell in die Gehörgänge geht und die Karten auf den Tisch legt, bleibt die Musik von Shining nach wie vor starker Tobak. Das von Anfang bis Ende durchgetretene Gaspedal erlaubt keine Verschnaufpause, ist mit unzähligen Ideen bereichert, die immer dann eingebracht werden, wenn sie die Band als nötig empfindet. Somit ist „One One One“ voller Details, aber nicht überladen oder anstrengend. Wer Lust darauf hat, sich komplett auf die Songs einzulassen, findet gleich mehrere vernerdete Momente. Metaler, die ihre Beine und Fäuste nicht stillhalten können, haben dagegen einfach nur Spaß und bekommen durch die Eigenheiten der Norweger nur noch mehr Möglichkeiten, sich kreativ die Fresse zu polieren. Fazit: Experimentelle Musik kann auch Spaß machen und mit „One One One“ wird ein Output abgeliefert, welcher einen perfekten Einstieg in das Shining-Universum bietet.

Anspieltipps:

  • I Won't Forget
  • The One Inside
  • My Dying Drive
  • How Your Story Ends
  • The Hurting Game

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