Abstract Essence - Love Enough - Cover
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Abstract Essence Love Enough


  • Label: Metalgate/Collectors Mine
  • Laufzeit: 57 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Aberwitzig, abgefahren, opulent – diese Genre-Akrobaten aus Tschechien kochen ihre ganz eigene Suppe.

Auch wenn Tschechien als Metal-Nation bisher relativ blass erschien und sich nicht mal in Ansätzen mit den Szenen aus Deutschland, Finnland, Spanien oder Italien messen konnte, hat die Nation des Bieres immer wieder mal ein Ass im Ärmel. Da wären zum Beispiel die Todesbleischmiede von Secret Of Darkness, die Düstermetaler Liveevil, aber auch straighter Hardrock von Black Bull. Die größten Platzhirsche aus Deutschlands Nachbarland sind aber ohne Frage Abstract Essence. Die fünf Musiker sind für exzentrischen Extreme Metal ohne Grenzen bekannt. Ihr „Love Enough“ ist nach „Lost Life“ (2004), „Aftermath“ (2007) und „Manifest“ (2009) der bereits vierte Longplayer, eine faszinierende Tour de force und Beweis genug, welche Qualitäten Metal aus Tschechien wirklich hat. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, welches die Geschichte von einem Paar erzählt - angefangen bei der Kindheit, über verschiedene Lebensstationen bis hin zum unvermeidbaren Ableben.

Dabei musizieren Abstract Essence extrem breit gefächert. Auf ein einziges Genre können und möchten sich die Tschechen nicht reduzieren lassen und kreieren so eine äußerst spannende Genre-Chimäre, die mit Elementen des Symphonic-, Prog-, Death- und Gothic Metal weit ausholt. Kamelot'scher Düster-Bombast ist genauso vertreten wie Filmscore-Prog der frühen Mechanical Poet, vorsichtige Ausflüge in den Symphonic-Black von Chaosweaver und experimentelle Klänge der Marke Diablo Swing Orchestra - Schubladendenkern machen es Abstract Essence wahrlich nicht leicht! Sänger Ondráš Zbránek ist dabei das absolute Aushängeschild der Stilmixer aus Vsetín. Mit seinem variantenreichen Organ erinnert er an Max Samosvat von den bereits erwähnten Russen Mechanical Poet. Hohe und tiefe Töne meistert der gute Mann genauso wie cleanen Gesang, Gruntings oder Growls. Letztere sind in Kombination mit verrückten Screams klare Erinnerungen an Dimmu Borgir. Die leicht orientalisch anmutenden Orchesterpassagen in Songs wie „Divine Whore“ oder „Stalker“ tun ihr Übriges. Generell tragen die fünf Musiker ziemlich dick auf. Den Bombast paaren sie mit extremem Geknüppel, ruhigen Sequenzen und technischen Passagen, die besonders hinsichtlich der Gitarrenarbeit (man beachte „Red One“) in die Richtung des „klassischen“ Prog Metals wie Dream Theater und frühe Fates Warning gehen. Vereinzelte Frickeleien sind auf „Love Enough“ aber lediglich kleine Details - virtuose und elegisch anmutende Auflockerungen, die recht schnell wieder vorbei sind und nicht selten mit Lounge Musik (!) und kontemplativen elektronischen Einsprengseln kombiniert werden („This Is A Good Day Of A Funeral Blowjob“), womit Abstract Essence ein eventuelles Abkupfern vermeiden und bereits Gekanntes recht frisch verkleiden.

Der Einsatz einer Gastsängerin in „Limitless Future“ und „Solar Barge“ ist ein intelligent gewählter Kontrast, der glücklicherweise nicht ausgeschlachtet wird und genau zur richtigen Zeit erfolgt. Erstgenannte Komposition ist pure musikalische Manie, vollgepackt mit elektronischen Ausschweifungen (The Tangent lassen grüßen), abgefahrenem Gesang (der tatsächlich komplett von Sänger Ondráš stammt) und Hörspielpassagen. „Solar Barge“ ist dagegen fast schon eingängig und geheimnisvoll-verträumt - so würde das uneheliche Kind von Kamelot und Cradle Of Filth klingen. Absoluter Höhepunkt ist der Titeltrack und Rausschmeißer, welcher mit zehn Minuten die längste Komposition auf „Love Enough“ darstellt. Hier jonglieren Abstract Essence mit Space- und Psychedelic Rock, der so auch von Pink-Floyd oder Eloy hätte stammen können, bis sie das bisher durchgezogene Programm nochmals Revue passieren lassen und ein Grande Finale abfeiern, welches diese Bezeichnung wahrlich verdient hat. Hier können sich selbst die ganz Großen noch eine Scheibe abschneiden!

Eigentlich ist es erstaunlich, dass bisher nur ein kleiner Teil der Metalschaft etwas von Abstract Essence gehört hat und diese außerhalb ihres Heimatlandes weitgehend unbekannt sind. Ob „Love Enough“ etwas daran ändern kann, ist schwer zu sagen. Zu wünschen wäre es den Tschechen aber auf jeden Fall. Hörer, die Freude an opulentem Larger-than-life-Metal haben und sich nicht scheuen, dass man trotz eines expliziten Fokus auf extremere Spielarten fröhlich experimentiert, sollten Abstract Essence unbedingt mal antesten. Durchgängig großartig produziert und als Konzeptalbum pompös präsentiert, hat diese bisher weitgehend unbeachtete Band durchaus das Zeug dazu, auf internationaler Ebene mitzumischen und muss sich keinesfalls hinter diversen Genregrößen verstecken. Ein echter Geheimtipp!

Anspieltipps:

  • Rock 'n' Roll Soul
  • The Good Old Day Of Seduction
  • Limitless Future
  • Red One
  • Divine Whore
  • Solar Barge
  • Love Enough

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