Placebo - Loud Like Love - Cover
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Placebo Loud Like Love


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 47 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Im Zeichen der Liebe lassen Placebo ihre Fans ganz tief schlucken.

Es sind meist die einfachen Dinge im Leben, die einen Künstler inspirieren. Im Falle von Brian Molko, seines Zeichens Sänger, Gitarrist und androgynes Oberhaupt von Placebo, reicht es, ein wenig im Netz zu surfen und Videos angeboten zu bekommen, die Männer beim Geschlechtsakt mit anderen Männern zeigen. Für die sexuell äußerst breit aufgestellte Truppe (Brian ist bisexuell, Keyboard- und Bassspieler Stefan Olsdal ist bekennender Homosexueller und Schlagzeuger und Küken Steve Forrest ist heterosexuell) ein gefundenes Fressen, um die erste Single „Too many friends“ des mittlerweile siebten Studioalbums mit einem der beliebtesten Themenkreise des Herrn Molko beginnen zu lassen. Die Zeile „My computer thinks I´m gay“ verfügt bei näherer Betrachtung allerdings nicht über die scharfzüngige Weltanschauung früherer Texte und auch die restlichen Lyrics, in denen keine intelligente Anklage an das Web 2.0 stattfindet, sondern eine eindimensionale Posse über die Facebook-Gesellschaft und den Alltag bestimmende Smartphone-Apps umrissen wird, lassen das feine Fingerspitzengefühl vermissen, welches bislang prägend für das Schaffen der Briten war.

Wäre dies ein kalkulierter Ausrutscher, der das Dreiergespann abgesehen vom neuen Majorvertrag mit Universal Music wieder ins Gespräch bringen soll, dann würde man über diesen Patzer hinweg sehen und sich ohne mit der Wimper zu zucken am Nachfolger zu „Battle For The Sun“ (06/2009) erfreuen, doch leider scheint der Weggang von Steve Hewitt noch immer nicht zur Gänze verdaut zu sein und die stellenweise plumpe Herangehensweise des Vorgängers, die sich neben übelsten Bumsbeats („Julien“) auch allzu fröhliche („For what it´s worth“), bis nichtssagende Exemplare („Bright lights“) erlaubte, zum neuen massenkompatiblen Allheilmittel heranzuwachsen. So stolpert der langjährige Fan nämlich nicht nur über ausgeprägte Stadionrock-Hooklines der Marke Coldplay („Loud like love“) oder hüpft quietschvergnügt im Zickzack zum fetzigen Rocker „Rob the bank“ im Wohnzimmer umher, dessen seichte Message „Banken ausrauben, Liebe machen“ wegen seiner Feelgood-Ästhetik sicherlich keine Anarchie auslösen wird, sondern muss sich zudem über kitschige Schlagermelodien ärgern („A million little pieces“) oder dem Versuch beiwohnen, Molko im pathetisch aufgeblasenen „Hold on to me“ als grummelnden Barry White-Nachfolger zu installieren.

Stürmisch und dabei richtig zupackend gebärden sich die Scheinmedikamente nur im zappeligen „Scene of the crime“, das einmal mehr die perfekte Mischung aus stampfendem Rhythmus und Molkos nölendem Organ bietet, während „Purify“ seine allzu lässige Rotzrock-Attitüde wohl vom Boden im Backstage-Bereich der letzten Danko Jones-Tour gekratzt hat. Zu alter Form laufen Placebo somit lediglich in Nuancen auf oder wenn es wieder in die dunklen Abgründe schwarzer Seelen geht und Brian und seine Truppe in Slow Motion das ganz große Drama ausleben dürfen. Eindringliches Material wie z.B. den mit harten Electro-Elementen hantierenden Track „Exit wounds“, die bedrückende Gänsehautatmosphäre in „Bosco“ oder den mitreißenden Maelstrom „Begin the end“, der in seiner simplen, wie effektiven Inszenierung einem Klassiker wie „Lady of the flowers“ nahe steht, sorgen so für ein wärmendes Gefühl von Verständnis und Zuneigung, das Alben wie „Without You I´m Nothing“ (10/1998) oder „Meds“ (03/2006) auszeichnete und als Ganzes zu etwas Besonderem machte.

„Loud Like Love“ ist demzufolge mehr denn je eine ambivalente Angelegenheit geworden. Die dramatischen Versatzstücke werden Fans der kommerziell ausgerichteten Stücke womöglich zu melancholisch sein und jene Anhänger, die Placebo wegen ihrer Düsternis schätzen, dürften von der Gute Laune-Ästhetik der ersten Hälfte hoffnungslos überfordert sein. Für Molko & Co. ist es daher höchste Zeit, Ballast abzuwerfen und sich dabei klar zu werden, in welche Richtung die Band steuern will, denn sowohl die seichte, massenkompatible Schiene, wie auch das kauzige Nischendasein würde der Dreier mit der richtigen Vision im Gepäck beherrschen. Im Verhältnis 50:50 stehen sich diese beiden Parteien allerdings nur mehr im Weg.

Anspieltipps:

  • Bosco
  • Exit Wounds
  • Begin The End
  • Scene Of The Crime

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